Weitwandern nonstop – eine Herausforderung der besonderen Art. Das dachte sich auch Autor Matthias Schopp. Unser Schwarzwald-Spezialist hat sich aufgemacht, den Querweg Schwarzwald – Kaiserstuhl – Rhein ohne Pause zu erwandern. Die Strecke ist schließlich »nur« 112 Kilometer lang. Ideal also für eine Nonstop-Langstreckenwanderung? 29 Stunden war er auf dem Querweg unterwegs.

Lest hier Matthias’ Bericht über seine Ultrawanderung im Schwarzwald. Und so viel sei verraten: Hitze, Hunger und Durst waren nicht seine einzigen Begleiter.

Ein Gastbeitrag von Rother-Autor Matthias Schopp

Mit Respekt geht’s los: Start der Weitwanderung nonstop

Mit dem Zug sowie gehörigem Respekt vor meiner Ultrawanderung fahre ich morgens zum Startpunkt in Donaueschingen. Nonstop weitwandern auf dem Querweg – das ist eine Herausforderung. Vom Bahnhof geht’s zunächst am Geologischen Garten vorbei zur Brigach und flussaufwärts auf einem Fußweg weiter. Enten und Schwäne planschen gemütlich im seichten Nass, mir ist es jetzt schon zu heiß. Die Brigach begleitet mich nach Aufen, dann steht mit dem Eichbuck der erste kleine Buckel auf dem Programm. Dessen Überschreitung bringt mich nach Wolterdingen im Tal der Breg.

Zu Beginn meiner Weitwanderung achte ich darauf, dass ich sehr konsequent alle 5 km eine Trink- und alle 10 km auch eine Essenspause einlege. Mit 4,5 Litern gestartet schwinden die Wasservorräte allerdings wie das Eis in der Sonne. Auf dem Friedhof in Wolterdingen tanke ich daher schnell nach, bevor es mir so geht wie den meisten um mich herum…

Sonne pur und kein Schatten in Sicht

Der Abschnitt meiner Ultrawanderung über die Baar hat mit »Schwarzwald« wenig zu tun. Großteils laufe ich über offene Feldflur und damit immer in der prallen Sonne. So auch auf dem nächsten Stück nach Tannheim. Vor einem Haus sitzt ein Handwerker in der Pause. »Wo läufst du denn hin?« »Nach Breisach.« »Oh mein Gott, da musst du ja durch den Wald… .« Ja, das würde ich in der Tat gerne, Schatten würde es jetzt bringen. Doch selbst im Wald ist der kein dauerhafter Begleiter. Die Forstwege sind oft dermaßen breit, dass Schatten Mangelware bleibt.

Vorbei an den hübschen Spitalhöfen erreiche ich Herzogenweiler. Hier und da sind Schilder nur spärlich vorhanden, auch verwildern einige Wegpassagen etwas, sodass ich mich zweimal kurz verlaufe und mir im hohen Gras zwei Zecken einfange. Nicht genug der Pein, einige Forstautobahnen wurden frisch präpariert. Wer es schon erlebt hat, weiß wovon ich schreibe: Ich fühle mich wie ein Fakir.

Hunger, Durst und Hitze: Die steten Begleiter

Da kommt mir die Sankt Michaelskapelle oberhalb von Vöhrenbach gerade recht um für Beistand zu bitten. Irgendwo riecht es nach Grillfleisch, äußerst gemein. Leider hat der örtliche Metzger bereits geschlossen, ein Fleischkäsweckle wäre gerade eine echte Motivation für mein nonstop weitwandern gewesen. Überhaupt das Thema Essen: Selten bemerke ich an mir so große Unterschiede zwischen Hunger und Appetit. Deshalb kann man meiner Meinung nach nur bedingt Lebensmittel auf solch eine Ultrawanderung mitnehmen – man weiß einfach nie genau, was man während der Tour wirklich zu sich nehmen möchte. Dennoch muss man die Kalorien ja irgendwie ausgleichen (laut meiner Uhr am Ende der Ultrawanderung übrigens mehr als 12.500 kcal).

Wälder, Wiesen und weite Fernsichten – Wandern auf dem Querweg im Schwarzwald ist herrlich. Bei Hitze aber auch mal herausfordernd… Fotos (c) Matthias Schopp

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Entlang der Breg schlendere ich hinüber nach Furtwangen. Hier folgt der Querweg dem Donauradweg. Ein Schild informiert mich darüber, dass der Weg bis Bratislava gut befahrbar sei. Danke, aber ganz so weit brauche ich dann doch nicht. Für mich ist der örtliche LIDL das Zwischenziel meiner Träume. Hier gibt es Essen und Getränke im Überfluss. Zudem liegt der Laden unmittelbar an der Route. Es ist 18:30 Uhr und ich halte meinen Weitwander-Plan beinahe auf die Minute ein.

Nach Furtwangen steht der Aufstieg zum höchsten Punkt der Ultrawanderung an. Nach Überquerung der B500 erreiche ich den Westweg und folge kurzzeitig auch der roten Raute auf weißem Grund. Vom Staatsberg schweift der Blick über Furtwangen und die Umgebung. Auch der Feldberg ist zu sehen. Nur 40 km wären es nach Hause, aber ich bleibe standhaft. Der längste Abstieg der Tour beginnt in Richtung Gütenbach. Anschließend folgt ein attraktiveres Wegstück: Durch die Teichschlucht leitet ein schöner Wanderpfad.

Fast überstanden: Ende von Tag 1 Weitwandern nonstop

Mittlerweile ist die Sonne untergegangen und die abendliche Kühle verleiht mir neuen Auftrieb. Bei der Pfaffmühle betrete ich das Tal der Wilden Gutach und wünsche den daheimgebliebenen Unterstützern eine gute Nacht. Der folgende Abschnitt machte mir vor der Tour die meisten Sorgen, denn etliche Bauernhöfe werden unmittelbar passiert. Was wird mich da wohl erwarten? Blutrünstige Hunde oder Bäuerinnen mit dem Nudelholz? Oder gar der Hofbesitzer mit seinem alten Karabiner? Nichts dergleichen, alles ist friedlich und ich bin entspannt.

Hindernisse und glückliche Begegnungen

Wäre da nicht der rapide nachlassende Akku meines Smartphones. Glücklicherweise gilt auf Fernwanderwegen das Motto: The Trail provides! Kurz darauf komme ich in Obersimonswald zu einem Bolzplatz, wo einige Jugendliche aus dem Tal zelten. Der Mann mit der Stirnlampe fragt die leicht Erschrockenen nach einer Powerbank  – ich werde nicht enttäuscht. Im Gegenteil, bekomme ich sogleich Wasser und Chips angeboten. So plaudere ich einige Minuten mit den netten und höflichen jungen Leuten und mache mich mit 80% Akku auf den Weiterweg.

Der nächste ungeplante Zwischenstopp lässt nicht lange auf sich warten. Beim Gasthaus Rebstock brennt noch Licht. Vom Balkon aus werde ich angesprochen: »Läufst du den Zweitälersteig?« »Nein den Querweg.« »Magst du hochkommen, kriegst auch was zu trinken«. Zwei Minuten später sitze ich mit der Wirtsfamilie auf dem Balkon, trinke Cola, gönne dem Handy die restlichen 20% Akku und unterhalte mich angeregt über das Thema Fernwandern. Nach einer halben Stunde verabschiede ich mich von Michael und den anderen und sage zweimal Danke nach Obersimonswald.

Der weitere Trailverlauf im Tal der Wilden Gutach ist unspektakulär. Meist geht es wenig entfernt links und rechts vom Fluss talwärts. So passiere ich Simonswald und wenig später ein einsames Haus. Hier wird mir dann zum ersten uns einzigen Mal mulmig. Bewegungsmelder, Zäune, Absperrband, Schilder –  ich suche schleunigst das Weite.

Weitwandern nonstop auf dem Querweg im Schwarzwald. Foto (c) Matthias Schopp
Es wird Nacht im Schwarzwald. Foto (c) Matthias Schopp

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Nachts allein im Wald: Weitwandern nonstop geht weiter

Nebenbei beginne ich die zweite Hälfte meiner Ultrawanderung. Die üblichen Wehwehchen stellen sich nach 60 km allmählich ein. Es zwickt und scheuert. In Gutach lasse ich das enge und dunkle Simonswälder Tal hinter mir und betrete das Elztal. In der Dunkelheit gilt es, gut auf die spärlichen Markierungen zu achten. Unspektakulär laufe ich durch Waldkirch. Hier und da brennt noch Licht, auf der Straße ist jedoch niemand mehr unterwegs. Kein Wunder, es ist kurz nach 3 Uhr.

Das Suchen und Finden der Wegmarkierungen hält mich zum Glück vom Nachdenken ab, sodass sich auch keine tiefe Müdigkeit einstellt. Während ich am Ufer der Elz entlang schlendere umgibt mich inmitten der Stille eine tolle Szenerie: Vor mit der Vollmond auf einer Wolkenbank während hinter mir ein Silberstreifen den neuen Tag ankündigt. Ein nächster kleiner Hügel durchbricht die Monotonie der Flachstrecke, es geht hinauf zur Ruine der Severinskapelle nebst herrlichem Pausenplatz. Obwohl es noch kühl ist nutze ich die Gelegenheit, mich der Bekleidung für die Nacht zu entledigen. Vermutlich würde der neue Tag noch mehre Hitze bringen als der gestrige, schließlich führt die Route nun in Richtung Kaiserstuhl.

Der Morgen graut – und es geht weiter

Zunächst geht es jedoch durch Denzlingen hindurch. Der Ort erwacht gerade, die ersten Leute fahren zur Arbeit. Die Landschaft hat sich nun völlig verändert, vorbei sind die Täler und Höhenzüge, es ist alles topfeben. Zum Glück führt der erste Abschnitt im Oberrheinischen Tiefland durch ausgedehnte Waldgebiete. Das sogar auf teils lauschigen Pfaden, mehrheitlich natürlich auf klassischen Forstwegen.  Nach Überqueren der A5 erreiche ich Nimburg und befinde mich etwa 20 Minuten hinter meinem Ultrawander-Zeitplan.

Dieser sah vor, dass ich um 7 Uhr beim örtlichen Netto einchecke. Wie erwähnt waren der abendliche Einkauf in Furtwangen und der jetzige meine zeitlichen Fixpunkte auf der Tour. Für die paar Getränke dauert der Einkauf ewig. Ich nutze die Zeit für Dehnübungen und schäme mich, dass die Menschen hinter mir meinen nicht mehr taufrischen Körper ertragen müssen.

Anschließend begehe ich einen Fehler, denn ich trinke genüsslich einen Kaffee in der angeschlossenen Bäckerei und setze mich dafür 20 Minuten hin. Meine wund gescheuerte Haut quittiert mir diese Belohnung mit einem stechenden Schmerz, sodass ich den Wachmacher umgehend bereue.

Die härteste Etappe: Der Kilometer 100

In Sichtweite der letzten Hürde, dem Kaiserstuhl, strebt der Querweg nun Eichstetten zu. Entlang der alten Dreisam passiere ich landwirtschaftliche Nutzflächen, von denen einige gerade bewässert werden. Eine wunderbare Abkühlung gibt’s also schon gratis am frühen Morgen. In Eichstetten herrscht bereits große Betriebsamkeit, für mich beginnt nun die letzte und mit großem Abstand härteste Etappe dieser Ochsentour. Der Aufstieg erfolgt zunächst in den Weinbergen. Und was mag die Weinrebe? Richtig, Sonne! Ostexponiert gibt’s davon zu dieser Tageszeit reichlich. Meine Gehzeit reduziert sich zunehmend und nur mit Musik empfinde ich noch die Motivation weiterzulaufen. Wie eine Oase in der Wüste kommt mir der Wald vor, mit dem die höchsten Teile des Kaiserstuhls bestanden sind. Durchschnaufen am Bahlinger Eck, dann weiter hinauf auf den Katharinenberg. Ich raste nur kurz und mache mich gleich auf den Weiterweg der Ultratour, der immer am Kamm des kleinen Vulkangebirges entlangführt.

Und dann ist es soweit: Meine GPS-Uhr vermeldet 100 gelaufene Kilometer. Hurra? Nichts dergleichen, einfach nur weiter! Schelinger Viehweide, Staffelberg, Texaspass heißen die nächsten Zwischenziele der Nonstop-Tour, dann hinab zum Pavillon auf der Mondhalde. Die Uhr zeigt beim Laufen 37°C an. Die Schattentemperatur ist natürlich geringer, leider gibt’s aber auch keinen Schatten, und daran wird sich bis ins Ziel auch nichts mehr ändern.

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Abbruch oder Durchziehen: Die letzten Meter Weitwandern nonstop

Um die Mittagszeit laufe ich in Oberrotweil ein. Die meisten Leute haben sich in ihre Häuser verzogen und machen Siesta oder versuchen anderweitig der Hitze zu entfliehen. Jeder Brunnen am Weg wird nun genutzt um meinen Kopf so gut es geht zu kühlen. Noch 10 km. Aufhören ist wegen der Hitze eine echte Option. Ich hadere, entschließe mich dann aber doch dazu, weiterzulaufen. Nochmal stellt sich ein fieser Anstieg in den Weg. Eigentlich nur lächerliche 2,5 km und 150 Hm. Der höchste Punkt dieses Anstiegs liegt am Schneckenberg, wie wahr… Dann steil hinunter nach Achkarren und den Dorfbrunnen ausgetrunken. Obwohl noch reichlich Getränke in Form von Cola und Mineralwasser im Rucksack sind, bekomme ich außer stillem Wasser nichts mehr runter. Gegessen habe ich seit Stunden nicht mehr, es geht einfach nichts mehr rein.

Der Weg zum Achkarrer Bahnhof erfolgt auf Asphalt und ist nicht vergnügungssteuerpflichtig. Würde ich in den Zug einsteigen, könnte ich mir eine Stunde Gehzeit sparen, würde mich aber vermutlich bis zum Sankt Nimmerleinstag ärgern. Schließlich befinde ich mich auf einer Weitwanderung ohne Pause. Also reiße ich mich zusammen. Schnurgerade zieht sich die Strecke zum Badischen Winzerkeller. Es riecht nach Asphalt und ich schwöre mir, so etwas nie wieder zu machen. Am Ortsrand von Breisach keine Spur von Euphorie, nur nochmal eine Etappe durch das Industriegebiet. Dann endlich, das Ziel in Sicht.

Weitwandern nonstop – mein neues Hobby?

Am Bahnhof von Breisach kommt tatsächlich für einen Moment ein enormes Glücksgefühl auf. Bei 115,4 km klickt der Knopf meiner Uhr, nach genau 29 Stunden, 8 Minuten und 5 Sekunden. Meine Weitwanderung nonstop ist geschafft! Im proppevollen Zug fahre ich zurück nach Hause. Weitwandern nonstop? Das Ende eines für mich einmaligen Abenteuers.

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Buchtipps: Wanderführer – nicht nur – für nonstop weitwandern im Schwarzwald

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Matthias Schopp, Foto privat
Matthias Schopp, Foto privat

Wandern, Bergsteigen und Skifahren – das sind die großen Leidenschaften unseres Autors Matthias Schopp. Ob Ultrawanderungen hinzu kommen, ist fraglich. Sicher ist jedoch, dass seine Wahlheimat, der Schwarzwald, zu seinen Lieblingswandergebieten zählt. Und das, obwohl Matthias bereits auf 30 Viertausendern in den Alpen stand und Expeditionen in die Anden, den Kaukasus und andere Gebirge der Welt unternommen hat.

Mehr über Matthias Schopp auf www.wanderservice.com

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