Autor: Gesine

Wandern mit Kindern

Wandern mit Kindern

10 Tipps für eine gelungene Familienwanderung

Gute Planung ist viel wert, aber mancher Trick 17 sollte auch mit auf den Weg. Wir haben Euch 10 Tipps zusammengestellt, mit denen die Wanderung für Groß und Klein zum Erlebnis wird!

1

Heraus- statt überfordern

Eine angemessene Einschätzung der Fähigkeiten der Kinder ist Vorraussetzung für die Planung einer Tour bzw. einer Wanderung. Die Gratwanderung besteht darin, den Kindern viel zuzutrauen – das erfüllt die Kleinen mit Stolz –, ohne sie dabei zu überfordern!
S. Stickel
2

Zeit füreinander

Jeder einzelne Schritt auf einem Weg ist wertvoll. Nehmen Sie deshalb viel Zeit mit in Ihrem Wanderrucksack: nicht um die höchsten Gipfel zu erklimmen, sondern um die Schönheit am Wegesrand zu bestaunen, um zu spielen oder gemeinsam Brotzeit zu machen.
3

Jugend forscht

Die Pflanzenwelt kann für Kinder ein Highlight in den Bergen sein. Das Wissen über Bäume, Blumen und Kräuter
fasziniert Groß und Klein. Im Wanderrucksack könnte ein
Pflanzenbestimmungsbuch mit dabei sein, um gemeinsam zu erkunden, was giftig, essbar oder gar heilsam ist.
S. Stickel
4

Keine langweiligen Touren!

Für Kinder ist ein Weg dann spannend, wenn er Abwechslung bietet, sei das in Form eines Wasserfalls, eines Spielplatzes, eines besonderen Steiges, bei dem man auch mal kraxeln kann, oder einfach einer Kuh auf der Weide. Und zum Schluss die langersehnte Belohnung: der Kaiserschmarrn auf der Alm!
5

Der eigene Rucksack …

… ist ein hoher Motivationsfaktor, denn damit tragen die Kinder nicht nur ihre Ausrüstung, sondern vor allem auch ein Stück Eigenverantwortung. Und was soll da rein? Vielleicht Forscherequipment, die Brotzeit oder gefundene Schätze vom Wegesrand!
6

Eine Nacht auf der Hütte …

… hat immer etwas geradezu Magisches für Groß, aber vor allem auch für Klein: abends ein Spieleabend, später im Lager in den Hüttenschlafsack schlüpfen, am frühen Morgen die Unberührtheit der Natur bestaunen – ein unvergessliches Familienerlebnis!
S. Stickel
7

Märchen, Reime, Lieder

Im regen Austausch miteinander vergeht die Zeit wie im Flug. Ob Märchen, Reim oder Jahreszeitenlied: Geschichten und Lieder beleben eine gemeinsame Wanderung auf fantasievolle Weise.
8

Wanderwelt der Sinne

Barfuß unterwegs auf Almwiesen, die Lauscher in Richtung Wald: Die Berge geben Kindern viele Möglichkeiten, ihre sinnlichen Fühler in alle Richtungen auszustrecken und ihre Wahrnehmung dadurch zu schärfen!
9

Zusammen ist man weniger allein

Die beste Motivation: Eine große Wandergruppe mit gleichaltrigen Freunden und Familie – da kommt fast nie Unlust oder Langeweile auf!
10

Spielen, spielen, spielen

Wenn es doch langatmig wird, lohnt es, kurz mal in die Spielkiste zu greifen: „Ich sehe was, was du nicht siehst!“, „Tiere raten“ oder „Engelein flieg“ können die Kinder flugs von Unlust und Erschöpfung ablenken und den harmonischen Fortgang einer Wanderung sichern..

Rother Wanderbuch ErlebnisWandern mit Kindern – Südtirol
36 Wanderungen und Ausflüge

Gerhard Hirtlreiter, Eduard Soeffker

256 Seiten, ISBN: 978-3-7633-3152-9
16,90 € [D] 17,40 € [A]

Rother Wanderbuch ErlebnisUrlaub mit Kindern – Gardasee
40 Touren und Ausflüge

Johanna Stöckl, Rosemarie Pexa

184 Seiten, ISBN: 978-3-7633-3190-1
16,90 € [D] 17,40 € [A]

Rother Wanderbuch ErlebnisWandern mit Kindern Chiemgau – Berchtesgaden
41 Touren

Sabine Kohwagner, Susanne Pusch

224 Seiten, ISBN: 978-3-7633-3201-4
16,90 € [D] 17,40 € [A]

Wandern mit Kindern

Wandern mit Kindern

Für jedes Kind die richtige Tour

Wie war Eure letzte Wanderung mit den Sprösslingen? Sind womöglich doch Sätze gefallen wie „Wann sind wir da?“ oder „Ich kann nicht mehr“? Machen Sie es sich das nächste Mal leichter – mit unseren Altersempfehlungen findet Ihr für jedes Kind die passende Tour.

Sobald Kinder alleine stabil sitzen, können sie in Kraxe oder Tragehilfe mit auf die Wanderung genommen werden. Streckenweise können sie auch selber laufen. Wichtig ist, dass die Wanderung drei Stunden nicht überschreitet und die Kleinen warm eingepackt sind, vor allem während der bewegungsfreien Phasen.

Kinder im Kindergartenalter schaffen Touren von bis zu zwei Stunden reiner Gehzeit und maximal 300 Höhenmetern. Durch das Hin- und Herrennen beim Erkunden der Gegend sind die Reserven allerdings oft schnell ausgeschöpft. Da hilft es, immer wieder kurze Pausen mit einer Brotzeit einzulegen.

Kinder im Grundschulalter können Touren mit einer Gehzeit von bis zu vier Stunden und einem Anstieg von maximal 800 Höhenmetern bewältigen. Ausdauer und Kondition der Kinder sind meist so gut, dass steilere Wege unproblematisch in die Wanderung einbezogen werden können und sollen – allerdings auch hier mit entsprechender Hilfestellung und einigen Pausen inkl. Proviant.

Mit Kindern ab 11 und mit Jugendlichen sind große Wanderungen von max. 6 Stunden Gehzeit und 1000 Höhenmetern denkbar: Aber nur, wenn Ausdauer und Grundkondition entsprechend vorhanden sind.

Unsere Altersempfehlungen sind als Anhaltspunkte zu verstehen. Schließlich können die Entwicklungsstufen bei Kindern ganz unterschiedlich ausfallen. Und natürlich spielt auch eine Rolle, wie sportlich motiviert ein Kind ist und wie viel Wandererfahrung es mitbringt. Sie als Eltern kennen Ihre Kinder am besten und wissen, was Sie ihnen zutrauen können. Im Vordergrund sollte auf jeden Fall immer der Spaß der Kinder stehen!

Trekking am Mount Rainier (USA)

Trekking am Mount Rainier (USA)

Ein Gastbeitrag von Jens-Uwe Krage, mehr unter https://toptrails.jimdo.com/

Der Northern Loop am Mount Rainier (USA)

Der Pazifische Nordwesten der USA wird vom Kaskadengebirge geprägt, das sich von der kanadischen Grenze durch Washington und Oregon bis in den Norden Kaliforniens erstreckt. Knapp zwei Autostunden südöstlich von Seattle erhebt sich mit dem 4392 m hohen Mount Rainier der gewaltigste Gipfel der aus zahlreichen Vulkanen bestehenden Gebirgskette. Reimar und ich haben uns im Nationalpark, der den Bergriesen umgibt, eine Trekkingtour auf dem Northern Loop vorgenommen, den wir durch einen Schlenker zum Mowich Lake auf fünf Tage verlängern.

Mit etwas Glück ergattern wir in einer Ranger Station noch eines der begehrten Permits (Genehmigung), ohne die man hier nicht zu einer Mehrtagestour aufbrechen darf. An den festgelegten, sehr einfachen Campgrounds gibt es unterwegs jeweils nur eine begrenzte Zahl von Zeltplätzen. Eine Online-Reservierung ist daher unbedingt zu empfehlen. Mitte September brechen wir bei herrlichem Spätsommerwetter am Sunrise Visitor Center auf.

Es dauert nicht lange, bis ein Rudel Schneeziegen unseren Weg kreuzt. Mit ihrem reinweißen Fell würden diese Verwandten der Gämsen in jeder Waschmittelwerbung eine gute Figur machen. Auch Hirsche, Murmeltiere und Pikas (Pfeifhasen) bekommen wir schon bald zu Gesicht. Auf eine Begegnung mit einem der hier ebenfalls heimischen Schwarzbären hoffen wir während unserer Tour jedoch vergeblich.

Der Northern Loop führt von den an der Baumgrenze auf etwa 2000 m liegenden ausgedehnten Wiesenflächen (hier Parks genannt) immer wieder in die tief eingeschnittenen Flusstäler hinab. Das heißt jedes Mal etwa 1000 Höhenmeter runter und natürlich auch wieder rauf. Das schwere Gepäck mit kompletter Zeltausrüstung und dem Proviant macht sich dabei deutlich bemerkbar. Doch die grandiosen Ausblicke auf den stark vergletscherten, derzeit als schlafend eingestuften Vulkan entschädigen für die Mühen.

Durch die Täler rauschen kräftige Bergflüsse die von den weit herabreichenden Gletschern gespeist werden. Die Überquerung auf schmalen Stegen ist manchmal eine etwas wackelige Angelegenheit. Insgesamt sind die Trails jedoch sehr gut gepflegt und stellen uns vor keine Probleme. Die Beschilderung an den Wegkreuzungen sorgt zudem für eine sichere Orientierung.

Eine große Attraktion der Tour sind auch die saftig grünen Urwälder an den Hängen des Mount Rainier. Sie profitieren von der feuchten Luft und den Niederschlägen, die häufig vom Pazifik heranziehen. So sind Felsen und Baumstämme von Moospolstern und Farnen überzogen, während Flechten wie lange Bärte von den Zweigen herabhängen. Hier fühlen wir uns wie in einem mystischen Märchenwald

Als wir nach fünf Tagen am Ende der 78 km langen Runde durch die Wildnis wieder zum Ausgangspunkt zurückkehren, sind Wärme und Sonnenschein nun kühlen Wolken und leichten Schneeschauern gewichen. Das Wetter hat sich uns genauso abwechslungsreich gezeigt wie die Landschaften und die Natur am eindrucksvollen Vulkankegel des Mount Rainier.

Die Foto-Show zu dieser und vielen anderen Touren gibt es hier.

Weitere Impressionen aus dem Buch gibt es außerdem in diesem Video:

Der neue Rother Selection-Band „TopTrails Nordamerika West” präsentiert 30 Mehrtages- und Tagestouren in weltberühmten Nationalparks sowie in wenig bekannten Wilderness Areas, wie zum Beispiel die im Gastbeitrag beschriebene Tour. Er enthält alle wichtigen Informationen zur Vorbereitung unvergesslicher Outdoor-Unternehmungen. Außerdem wird auf die Besonderheiten beim »Backpacking«, wie Trekking in Nordamerika bezeichnet wird, eingegangen. Was muss beim Zelten in der freien Natur beachtet werden? Wie schützt man seinen Proviant vor Bären? Und wo bekommt man die erforderlichen Genehmigungen für die Mehrtagestouren?

ISBN 978-3-7633-3185-7,     26.90 Euro (D) • 27.70 Euro (A)
Zum Buch >>

Zypern: Über die Troodos Berge in wenigen Etappen

Zypern: Über die Troodos Berge in wenigen Etappen

Zypern ist nicht nur für den Badeurlaub gut: wer Wandern liebt, kann auf Zypern vielfältige Ausflüge unternehmen und dabei die Insel von seiner inneren Seite kennenlernen.

Ein Gastbeitrag von Mark Buzinkay vom Blog http://www.super-gsi.net/

Kieferwälder bei Troodos

 

Seit zwei Stunden warte ich darauf, dass die dichten, dunklen Wolken endlich ihr Wasser ablassen. Ich beeile mich, denn das kleine Bergdorf Troodos ist nicht mehr weit entfernt, aber der Wind pfeift und die Temperaturen bewegen sich um die 5° C. Das hätte ich im Mär z eigentlich nicht erwartet. Dieser Kälteeinbruch kommt überraschend, war ich doch die Tage zuvor noch im Meer an einer türkisblauen Bucht, ganz alleine. Gut, dass ich mein Regenzeug und meine Wollmütze mithabe, denke ich mir, und einen Moment später schüttet es wie aus Kübeln. Mir gelingt der Sprung unter ein Dach und ich warte mal ab.

 

 

Herrliche Buchten auf der Akamas Halbinsel

Etwas später, am Nachmittag, kommt das für den März typische Zypern-Wetter zum Vorschein: blauer Himmel mit milden Temperaturen. Die Luft ist herrlich frisch und ich mache mich wieder auf den Weg gegen Osten, über die Bergkette Richtung Agros. Die Wälder duften nach Kiefern und der Ausblick vom Kamm gegen Norden ist weit. Wieder bin ich allein unterwegs. Auf manchen Abschnitten ist mit keinem Wanderverkehr zu rechnen, und dann wieder sind ganze Gruppen unterwegs, wie kürzlich beim Kaledonia Wasserfall. Eine beliebte Route, kann man doch am Ende in ein Fischrestaurant einkehren. Hier in den Kieferwäldern von Troodos bekomme ich Ausblicke und Naturerlebnis umsonst.

Wie ich einige Wochenenden später feststelle, Zypern hat – was Bergwandern betrifft – doch mehr zu bieten als von mir ursprünglich angenommen.

 

In der Avakas Schlucht

Viele Pfade sind schön angeschrieben und perfekt ausgebaut, und wer Lust auf mehr hat, kann auch den Europäischen Weitwanderweg E4 (ca. 530 km in Zypern, mehr dazu hier) in Angriff nehmen. Am Abend plane ich in meiner Unterkunft die Tour für den nächsten Tag. In der Nähe bietet sich eine Wanderung zu den historischen, venetianischen Brücken an, oder ich mache mal eine kulinarische Reise durch die in den Bergen idylisch gelegenen Dörfer. Da das Wetter für die nächsten Tage noch heißer angesagt ist, bleibe ich am Ende in der Gegend um Troodos und erkunde den Wanderweg um die Feuerbeobachtungsstelle Madari, eine wunderschöne, raue Bergregion. Cape Grecko mit seinem herrlichen Stränden muss doch noch ein paar Tage warten. Da ich ohne Auto auf die öffentlichen Busse angewiesen bin, möchte ich so wenige Stunden wie möglich in diesen verbringen. Zypern hat viel zu bieten, und für mich als Bergfreund mehr als gedacht. Ich komme gerne wieder!

Winterglück an der Costa Blanca

Winterglück an der Costa Blanca

blick-ins-hinterlandEin Beitrag von Cordula Rabe.

Schneewandern, Schneeballschlachten, Schlittenfahren und zum Après-Schnee ein kühles Bier am Meeressaum – so geht Winter an der Costa Blanca. Das bergige Hinterland von Alicante ist immer ein lohnendes Wanderziel. Momentan setzt die „Weiβe Küste“ noch eins drauf: Die heftigen Winterstürme vom vorletzten Januarwochenende bescherten der Mittelmeerregion jede Menge Schnee, sogar bis hinunter ans Meer. Auf vielen der über 1000 m hohen Gipfeln im Landesinneren türmt er sich teils noch immer über einen Meter hoch.

 

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Beliebteste Freizeitbeschäftigung der Alicantiner derzeit: Schneegucken gehen in den Bergen. Etwa auf der 1558 m h ohen Sierra de Aitana. Rau, wild und ungezähmt präsentiert sich der höchste Bergzug der Region zu allen Jahreszeiten als ein faszinierendes Wanderziel. Ein majestätischer Berg ganz nah und doch fernab der Touristenhochburgen an der Küste.

 

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Atemberaubend schön ist jetzt der Blick über die Schneedecke an den schroffen Nordhängen bis weit ins bergige Umland und bis hin zum blauen Meer. Wo sonst kann man an einem Tag Schneemänner bauen, sich in tieferen Lagen an den leuchtenden Farben von Orangenplantagen erfreuen und den Tag mit einem Strandbummel ausklingen lassen?schneemann-modell-costa-blanca_3

 

 

 

 

mandelbluete_3Noch bis in den März kann es Schneefälle geben. Doch schon schicken sich Millionen von Mandelbäumen zu ihrem groβen Auftritt an: In geschützten Lagen entfalten sich bereits die ersten zarten Blüten, im Februar werden sie ganze Landstriche in leuchtendes Weiβ und zartes Rosa hüllen und mit ihrem süβen Honigduft die Wanderer betören und die Bienen vor Wonne in der warmen Frühlingssonne summen lassen.mandelbluete_1

 

 

 

 

orangenNach zwei Jahren Trockenheit verspricht das Wanderjahr an der Costa Blanca ein gutes zu werden. Die ergiebigen Regenfälle haben der Natur gutgetan. Quellen und Bäche sprudeln munter und die Pflanzenwelt blüht üppig auf. Auch der vor Kurzem fast ausgetrocknete Guadalest-Stausee – eines der wichtigsten Trinkwasserreservoirs der Region – liegt wieder wie ein türkisgrüner Gletschersee inmitten der noch verschneiten Gipfel.

 

Nur gut zwei Stunden vom deutschen Schmuddelwetter entfernt wartet die Costa Blanca mit allem auf, was das Wanderherz verlangt – und manchmal sogar mit einem Wintermärchen im ansonsten milden Mittelmeerklima.aitana-mit-mandelbluete

 

376334327x 51 Traumtouren vom gemütlichen Küstenspaziergang bis zu aussichtsreichen Bergtouren, ausführlich und genau beschrieben, mit allen nötigen Infos:
Rother Wanderführer “Costa Blanca”

Weitwandern #6: Auf dem Jakobsweg

Weitwandern #6: Auf dem Jakobsweg

Zu Fuß die Welt entdecken: Mit den Jakobswegen wurden alte Pilgerwege durch ganz Europa wieder neu belebt. Sie bieten Wanderern eine ganz besondere Möglichkeit, sich selbst, der Natur, dem Land, der Kultur und anderen Menschen zu begegnen. Lest hier den anregenden Gastbeitrag von Cordula Rabe, selbst begeisterte Jakobsweg-Wanderin und Autorin zahlreicher Jakobswegführer:

Mit Jakobus auf Entdeckungsreise – ein Gastbeitrag von Cordula Rabe

Via de la Plata_2Ich lebe in einer kleinen Hafenstadt am Mittelmeer. Hier ist viel von der Freiheit und der Unabhängigkeit beim Segeln die Rede, vom Zusammenspiel von Mensch und den Gewalten von Wind und Wasser. Mich persönlich überkommt bei der Vorstellung, mehrere Tage auf einem nur wenige Quadratmeter großen Boot verbringen zu müssen, ein Gefühl des Eingesperrtseins. Eine Reise auf dem Segelboot stelle ich mir so vor: Hafen am Anfang,  Hafen am Ende, dazwischen Wasser. Viel Wasser, morgens, mittags, abends, nachts. Bei Flaute Stillstand. Bei Sturm … das will ich mir gar nicht ausmalen.

Wie viel abwechslungsreicher ist eine Wanderung auf einem der Jakobswege! Das ist für mich Erleben mit allen Sinnen. Auf dem Küstenweg des Nordwegs gibt es auch Etappen von Hafen zu Hafen. Dort sehe ich an einem Tag das Meer, Wälder, Berge, Bergdörfer. Ich rieche Salzwasser, Frühlingsblüten, den erdigen Geruch von frisch gepflügten Äckern, von regennassem Waldboden. Ich kann auf einen Plausch am Wegesrand stehen bleiben, im Schatten eines Baums pausieren, ein kühles Bier in der Dorfbar genießen. Auf einem Segelboot wäre all das nicht möglich.


Gelber Pfeil, Rucksack und Pilgermuschel: Mehr brauch es zum Pilgern auf den Jakobswegen nicht.  


Immer dem Pfeil nach

Eines der faszinierendsten Dinge am Jakobsweg ist für mich sein “Navigationssystem”: der schlichte gelbe Pfeil. In den 80er-Jahren markierte der galicische Pfarrer Elías Valiña damit erstmals den spanischen Teil des Jakobsweg ab der französischen Grenze. Die erstbeste und günstigste Farbe, die er zur Hand hatte, war gelbe Straßenmarkierungsfarbe. Heute sind Tausende von Kilometer der vielen Jakobswege in Spanien mit dem gelben Pfeil versehen, er prangt an Bäumen, Häusern, Laternen, Strommasten, auf Asphalt, auf Felsen. Er ist DAS Markenzeichen des Jakobswegs.

Dabei ist er mehr als nur eine Wegmarkierung. Wie Harry Potters Bahnsteig 9¾ zeigt er den Zugang in eine Parallelwelt. Ihn am Beginn einer Wanderung  zu sehen, ist jedesmal ein Gänsehaut-Moment. Das war so bei meiner ersten Wanderung auf dem Jakobsweg, als ich frühmorgens von Roncesvalles aufbrach und noch überhaupt keine Vorstellung davon hatte, was mich in den nächsten Wochen erwarten würde, und es ist noch immer so, wenn ich selbst nach vielen Wegen und zum wiederholten Mal etwa an der Kathedrale von Sevilla stehe und weiß, dass sagenhafte 1000 km vor mir liegen.

Durch den gelben Pfeil durfte ich die kontrastreichen Facetten der Iberischen Halbinsel kennenlernen. Jahrhunderte alte Kathedralen und die moderne Architektur des Guggenheim-Museums in Bilbao. Weltoffene, vitale Städte wie San Sebastián, Pamplona oder Salamanca und Dörfer etwa in der tiefsten Extremadura, mit Bars,  in denen nur Männer palavern und im Fernsehen Stierkampf läuft. Er hat mich durch die mächtigen Pyrenäen geführt und zum tosenden Atlantik, wir sind zusammen durch die Weinberge der Rioja gewandert und durch zauberhafte südspanische Korkeichenwälder, er war oft einziger Begleiter in den endlosen Weiten der kastilischen Meseta, bei so mancher Passüberquerung hat er mir Mut zugesprochen. Ja selbst durch den Norden Portugals hat er mich schon geleitet.

Im Mittelalter versetzten prächtige Kathedralen die Pilger in Staunen,
heute sind es moderne Bauwerke wie das Guggenheim Museum in Bilbao.

So lange der gelbe Pfeil da ist, ist alles gut, fühle ich mich geborgen und sicher.

Hier in der Provinz Alicante gibt es Zubringerwege zum Camino del Sureste, dem Südostweg quer durch Spanien bis Santiago. Sehe ich beim Wandern einen gelben Peil, ist es wie einen lieben alten Bekannten zu treffen. Und es faszniert mich immer wieder, dass ich ihm 1200 km quer über die iberische Halbinsel bis vor die Kathedrale in Santiago und darüber hinaus an die Atlantikküste bei Finisterre oder Muxía folgen könnte.


Burgos: Die fast 800 Jahre alte Kathedrale von Burgos ist einer der Höhepunkte am Camino Francés.


Guten Etappen, schlechte Etappen

Selbstverständlich ist nicht jeder Tag auf dem Jakobsweg ein genüsslicher Spaziergang. Manchmal zwickt und zwackt es am Körper, sind die Beine schwer, das Gemüt ebenso. “Bad-Backpack-days”, an denen der Rucksack einfach nicht bequem sitzen will. Klamme, kalte, nasse Regentage oder brütende Hitze. Lange Strecken durch Industriegebiete und deprimierende Vorstädte. Nervende Mitwanderer, unfreundliche Kellner … Natürlich gehen mir an solchen Tagen nicht nur von Blütengirlanden umrankte Gedanken durch den Kopf.

Dennoch kam es mir nie in den Sinn, Etappen per Bus zu überspringen. Nur die Gambas von der Paella fischen gilt nicht, der Rest muss auch gegessen werden. Durchhalten lohnt sich, denn meist schickt Jakobus just in den grauesten Momenten eine versöhnliche Geste. Wenn der Rucksackriemen just vor dem einzigen Schuhmacher im Umkreis von vielen Kilometern reißt, und der uralte Schuster mit einer noch älteren Singer das moderne Nylon flickt. Ein unerwartetes Lächeln, ein freundliches Wort, das den Regentag erhellt. Oder ein Farbenspektakel, wenn plötzlich die Sonne durch die Wolken bricht. Das bleibt als Erinnerung, der Rest verblasst zur Anekdote.


Immer wieder stempeln gehen

Nordweg
Nordweg

Natürlich geht auch der Jakobsweg mit der Zeit. Selbst an den abwegigsten Orten gibt es inzwischen WLAN; viele junge Pilger sind scheinbar mehr in den sozialen Netzwerken als auf dem Weg unterwegs. Dennoch hat sich der Pilgerweg noch wunderbar altmodische Eigenheiten bewahrt: die Pilgermuschel als Erkennungszeichen, die “Credencial”, den Pilgerpass. Seit dem Mittelalter weist er die Pilger als solche aus, berechtigt sie heute zur Übernachtung in den Pilgerherbergen, ist für den Erhalt der “Compostela”, den Nachweis über die vollzogene Pilgerreise notwendig. Mindestens einmal am Tag wird das Dokument abgestempelt, in der Herberge, in Kirchen oder an besonderen Orten. Im Laufe der Wanderung entsteht ein buntes Mosaik verschiedener Motive und Farben, alle mit Ort und Datum versehen. Den Pilgerpass zu verlieren, ist eine mittlere Katastrophe, denn er ist mehr, als sein Stück Papier: ein einzigartiges Zeugnis dieser besonderen Wanderung, ganz analog, nirgends sonst gespeichert.


Ein Hoch der Langsamkeit

In einer immer schnelleren Zeit ist es nicht zuletzt die Langsamkeit des Reisens, die mich am Fernwandern begeistert . Die maximale Geschwindigkeit ist über Wochen das Schritttempo. Entfernungen werden nicht in Stunden, sondern in Tagen berechnet. Das verändert auch die Wahrnehmung. Prächtige Kathedralen hatte ich schon vor dem Jakobsweg gesehen, doch erst wenn ich mich ihnen wie die Pilger vor hunderten von Jahren nach wochenlanger Wanderung  zu Fuß nähere, aus der gleißenden Sonne in den kühlen, stillen Halbschatten trete, entfalten diese Monumente gotischer Baukunst ihre wahre Wirkung, viel intensiver, als wenn ich einfach mit dem Auto angebraust wäre.

Die Welt zu Gast bei Jakobus

Gelber Pfeil, Pilgermuschel, Pilgerpass, vielfältige Landschaften – das alles macht den Jakobsweg zu etwas ganz Besonderem. Doch er wäre nichts ohne die vielen, vielen Menschen, die sein jahrhundertealtes Erbe lebendig halten. 2015 registrierten sich im Pilgerbüro von Santiago de Compostela Pilger aus 178 verschiedenen Nationen – insgesamt gibt es nur rund 200 Länder auf der Erde. Wenn sich nach einer langen Etappe eine bunte, internationale Truppe zum Abendessen zusammenfindet, Pilger aus ganz unterschiedlichen Ländern, Alte, Junge, Frauen, Männer, und alle irgendwie miteinander kommunizieren, dann ist der Jakobsweg auch eine kleine, friedliche Oase, in der das einvernehmliche Miteinander, die Völkerverständigung gelebte Realität sind. Kurzum, in den oft schlimmen Zeiten, in denen wir leben, ein unschätzbar wertvolles Gut.

Pilgerkochen: Neben dem Wandererlebnis zeichnet den Jakobsweg das friedliche Miteinander von Menschen aus aller Welt aus.

Ob – wie Hape Kerkeling – auf dem Französischen Jakobsweg bis nach Santiago de Compostela oder auf anderen Routen oder Teilstrecken in Deutschland, Österreich, der Schweiz oder Portugal: Entdeckt euren eigenen Weg in der großen Auswahl der Rother Jakobswegführer >>

Weitwandern #5: Venter und Gurgler Runde (Ötztal)

Weitwandern #5: Venter und Gurgler Runde (Ötztal)

Gastbeitrag von Autor Mark Zahel (Fotos (c) Mark Zahel):

Venter und Gurgler Runde:

Highlights zwischen Weisskamm und Hauptkamm

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Die Ötztaler Alpen und das Pitztal gehören zu den beliebtesten alpinen Tourengebieten. Ihre eindrucksvollen Fels- und Eiskulissen lassen sich auf Höhenwegen hautnah erleben. Was für ein Abenteuer, aus dem Tal hinaufzusteigen und mehrere Tage in diese großartige Bergwelt einzutauchen! Mark Zahel beschreibt in seinem Wanderführer »Trekking im Ötztal und Pitztal« 37 Trekkingetappen von Hütte zu Hütte rund um bekannte Orte wie Oetz, Sölden, Vent und Obergurgl.
Auf www.wanderglueck.rother.de lässt er uns an seinem ganz persönlichen Trekkinglück teilhaben – lest selbst:

 

Der Begriff Ötztaler Alpen bezieht sich auf ein ziemlich großes Gebiet zwischen Ötztal, Oberinntal und dem Südtiroler Vinschgau. Enger wird damit häufig die Gegend um Vent und Obergurgl assoziiert, für Wanderer und Bergsteiger vermeintlich der ergiebigste Bereich mit den höchsten und bekanntesten Bergen sowie den meisten Hütten. Hier finden wir auch die ausgedehntesten Gletscherreservoirs in den gesamten Ostalpen – ein Merkmal, das zur Attraktivität entscheidenden Beitrag leistet. In den Pioniertagen der Alpenerschließung, als der Höchststand der »kleinen Eiszeit« eben erst überschritten war, haben die zentralen Ötztaler Alpen ohne Zweifel ein noch viel eindrucksvolleres Bild geboten. Ein fast arktisch anmutendes Bild, welches die Altvorderen nicht umsonst so magisch angezogen hat! Seitdem sind die Gletscher fast kontinuierlich im Rückgang begriffen, immer größere Flächen rostbraunen Blockschutts und Moränengeschiebes werden freigelegt und verströmen mitunter schon einen wüstenhaften Touch. Diese Entwicklung hat sich leider in den letzten Jahren beschleunigt.








Nichtsdestotrotz lässt sich hier inmitten einer großartigen Landschaft unterwegs sein. Wo sich reihenweise Dreitausender scharen, fühlt sich der passionierte Bergfreund einfach in seinem Element. Hinter Sölden, genauer gesagt bei der Ortschaft Zwieselstein, greifen das Venter und das Gurgler Tal in die innersten Winkel des Gebirges hinein und bilden Heimat für die beiden höchsten Kirchdörfer ganz Österreichs. Das »Bergsteigerdorf« Vent (was hier nicht bloß als Attribut gemeint ist, sondern auch als Label, welches der Österreichische Alpenverein höchst offiziell nach strengen Kriterien verliehen hat!) bettet sich genau zwischen die gewaltigen Massenerhebungen des Weißkamms und des Hauptkamms – eine Lage, die aus touristischer Sicht kaum idealer sein könnte. Initiiert durch den legendären »Gletscherpfarrer« Franz Senn, zog das ehedem abgeschiedene Vent ab etwa 1870 allmählich bergsteigerisches Interesse auf sich. Senn unterstützte den Aufbau einer Infrastruktur, die Errichtung von Hütten und Wegen, auf die wir Trekkingfreunde heutzutage ganz selbstverständlich zurückgreifen. Im unmittelbaren Einzugsbereich finden wir ein halbes Dutzend Schutzhütten. Bis auf das Brandenburger Haus und die Similaunhütte, die eher auf Hochtouren ausgerichtet bzw. im letzteren Fall auch am Übergang nach Südtirol positioniert sind, binden wir alle in unsere Wanderrunde ein.

Dazu gesellen sich die Hütten im hinteren Gurgler Tal, das sich nicht minder eindrucksvoll präsentiert. Obergurgl hat jedoch touristisch eine etwas andere Entwicklung genommen und recht konsequent am Skiboom der Nachkriegsjahrzehnte teilgehabt, weshalb es (einschließlich seines Retorten-­Ablegers Hochgurgl) heute hauptsächlich als mondänes Hoteldorf in Erscheinung tritt. Anders als in Vent besitzt hier die Wintersaison eine größere Bedeutung. Gleichwohl erkennen wir in der riesigen Geländekammer des Gurgler Ferners, die unmittelbar zum Hauptkamm aufschließt, eine echte Bergsteigerzone ohne allzu schädliche Eingriffe.

Wie lässt sich ein Hüttentrek in diesen hochalpinen Gefilden nun am besten anlegen? Eines vorweg: Den Gletschern können wir ohne große Probleme ausweichen. Zwar ließe sich selbstverständlich auch eine veritable »Haute Route« über Gletscher und Gipfel zusammenstellen, was im Rahmen eines Wanderführers jedoch nicht die Intention sein kann. Bezüglich der Richtung sei keine eindeutige Empfehlung ausgesprochen, aber ein hoch gelegener Start am Tiefenbachferner oberhalb von Sölden ist sicher nicht die schlechteste Idee. Damit geht es gleich über einen ausschweifenden Panoramaweg Richtung Breslauer Hütte, die sonst normalerweise direkt von Vent angelaufen wird. Vernagthütte und Hochjochhospiz heißen anschließend die nächsten Kettenglieder, womit wir schon in den Bereich des hinteren Rofentals vorstoßen. Die Anforderungen bleiben bis dorthin noch sehr moderat, es sei denn man schaltet schon mal einen Dreitausender ein, etwa die Guslarspitzen. Doch dies ändert sich, wenn wir von den weitläufigen Flanken des Weißkammes abrücken und am Saykogel einen hohen Übergang am Kreuzkamm aufs Korn nehmen. Mit der bekannten Kreuzspitze als Kulminationspunkt kann man von der Martin-Busch-Hütte eine lohnende Extratour einflechten. Die nächste große Hürde stellt sich uns danach am Ramolkamm entgegen, jenem mächtigen Gipfelzug, der sich massiv zwischen die Täler von Vent und Obergurgl schiebt. Über das Ramoljoch erreichen wir das Ramolhaus und vollenden das Trekking am besten mit einem großzügigen Bogen durch die Geländeschüssel des Gurgler Ferners. Hochwildehaus und Langtalereckhütte werden auf der anderen Seite des Troges passiert.

Etwa eine Woche sollten wir uns für diese Tour Zeit nehmen. Ein flotter Wanderer kommt womöglich auch mit fünf Tagen aus, doch sollte man die eine oder andere Gipfeloption nicht ausschlagen, wenn man eh schon auf so hohem Niveau wandert. Dies gilt auf jeden Fall in metrischer Hinsicht, denn am Saykogel und Ramoljoch wird die Dreitausendmetermarke deutlich geknackt. Bezüglich der Anforderungen stellt sich die Tour hingegen gemischt dar: teilweise recht leicht, unbeschwert und selbst für Gelegenheitswanderer geeignet, aber auch mit Schlüsseletappen, die speziell in den erwähnten hochalpinen Übergängen zu suchen sind. Ein klares Fazit möchte ich freilich ziehen: Hier im Herzen der Ötztaler Alpen lässt sich das alpine Trekking in bester Weise erproben. Und dabei nimmt man auch gleich die passenden Eindrücke mit, um daraus womöglich eine Leidenschaft zu entwickeln. Genauso ist es dem Verfasser nämlich ergangen, vor über 20 Jahren …

Den spannenden Hütten-Trek »Venter und Gurgler Runde« findet Ihr im Rother Wanderführer »Trekking im Ötztal – Pitztal«. Der Wanderführer beschreibt insgesamt 37 Trekkingetappen von Hütte zu Hütte rund um bekannte Orte wie Oetz, Sölden, Vent und Obergurgl – mit zahlreichen Varianten und Gipfeloptionen.

Zum Buch!

Weitwandern #3: Wie ein Trail Dein Leben verändert

Weitwandern #3: Wie ein Trail Dein Leben verändert

Gastbeitrag von Magda Lehnert zum Alpe Adria Trail.

Wie ein Trail Dein Leben verändert:

AAT-34

#1 Du wirst reicher.

„I’m beginning to learn that this is the sweet simple things of life which are the real ones after all.”

Es gibt unterschiedliche Wege reich zu werden. Für die meisten Menschen bedeutet Reichtum materielle Werte anzuhäufen – sich durch den Kauf von verschiedensten Dingen zu befriedigen. Vielleicht hast Du es selbst schon mal erlebt, dass Dich ein neues Kleid oder ein neues Hemd an einem Tag voller Ärger aufgeheitert hat. Aber wann haben wir genug, um uns gänzlich befriedigt zu fühlen?

Schon in Vorbereitung auf den Trail haben wir auswählen müssen, was wir wirklich brauchen. Einige Etappen später wussten wir, dass selbst das noch zu viel war. Wir konnten kaum noch laufen, mein T-Shirt war blutverschmiert von den Schürfwunden, die der schwere Rucksack auf meiner Hüfte gerieben hat. Doch an diesem Tag hatten wir Glück: Wir fanden eine Post und konnten dort viel Krimskrams nach Hause schicken.

Erst im Angesicht der Schmerzen und dem dringenden Wunsch, so viel Gewicht wie möglich loszuwerden, war es uns möglich den unnötigen Ballast in unseren Rucksäcken zu erkennen. An diesem Tag schickte ich zwei Paar Socken nach Hause, ein Buch, unseren Selfiestick, den Dosenöffner, ein Kleid und jede Menge Kleinkram. Ich fühlte mich leicht und unbeschwert. Es war ein gänzlich befriedigendes Gefühl nur so viel zu haben, wie wir wirklich brauchten.

Seit wir wieder zu Hause sind, betrachten wir unsere Sachen mit anderen Augen. Ich habe das Gefühl, vieles würde mich erdrücken. Inzwischen laufe ich durch Kaufhäuser ohne den Wunsch zu verspüren, etwas zu besitzen, etwas neues zu kaufen. Ganz ehrlich: Ich empfinde vollkommenes Glück bei dem Gedanken alles zu besitzen und nichts zu brauchen.

#2 Dein Verstand wird klarer.

„Our inability to see things that are right before our eyes until they are pointed to us, would be amusing if it were not at times so serious.”

In unserem Leben lernen wir ständig neue Menschen kennen, mit denen wir unsere Zeit teilen, die uns begleiten oder die einfach dabei sind. Meist hinterfragen wir das nicht. Nicht einmal dann, wenn diese Menschen in uns ein negatives Gefühl zurücklassen – vielleicht indem sie Dir das Gefühl geben, Du solltest anders sein, als Du bist oder indem Du spürst, dass sie anderes denken, als sie aussprechen. Im Alltag nehmen wir uns kaum die Zeit solche Empfindungen zu ergründen und widmen den wenigsten Beziehungen unsere Gedanken.

Einen Monat lang waren wir allein unterwegs und die wenigen Menschen, die wir trafen, würden wir nicht wiedersehen. Wir hatten nichts dabei und nichts zu tun, was unsere Gedanken ablenken konnte. Diese neu gewonnene Freiheit schaffte Klarheit und den Raum vermeintlich Selbstverständliches zu hinterfragen. Ich dachte an die Menschen zu Hause und unsere gemeinsame Zeit. Ich konnte mich nicht mehr hinter unerledigten Aufgaben vor meinen Empfindungen für diese Leute verstecken.

Mir kamen Gespräche in den Sinn, in denen ich für einen kurzen Moment den Glauben an mich selbst und meine Träume verloren hatte, die mich runtergezogen hatten oder die voller negativer Energien waren. Ich fragte mich, was falsch daran wäre, diese Menschen zu meiden. Die Antwort war leicht: Nichts. Es ist nicht falsch Nein zu sagen. Nein zu Leuten, die Dir schlechte Laune machen oder in deren Nähe Du nicht Du selbst sein kannst. Das heißt nicht, dass Du jeglichen Kontakt abbrechen musst, aber dass es ok ist nicht mehr Zeit als nötig mit ihnen zu verbringen.

So simpel diese Erkenntnis auch klingen mag – erst auf dem Trail, als wir völlig aus Strukturen und Konventionen ausgebrochen waren, hatten wir Zeit und Raum unser Leben und unsere Beziehungen klar zu sehen und die Menschen zu erkennen, die uns herunterziehen und die, die uns gut tun

#3 Du lernst die kleinen Dinge zu schätzen.

„Some old-fashioned things like fresh air and sunshine are hard to beat.”

Hast Du vielleicht Die fabelhafte Welt der Amelie gesehen und kennst die Szene, in der Amelie auf dem Markt ihre Hand ganz tief in einen Sack getrockneter Linsen steckt und dabei lächelt? Vielleicht musst Du jetzt auch schmuzeln, weil sich das so albern anhört. Aber es sind eben diese kleinen Dinge, die unseren Tag und unser Leben so zauberhaft und lebenswert machen. Eine Hand in einem Sack Erbsen, eine Wiese, deren lange Grashalme im Wind wehen, eine kurze Begegnung mit einem Fremden oder an einem warmen Ofen einzuschlafen. Wir alle haben unsere ganz persönlichen Kleinigkeiten, die uns glücklich machen und trotzdem vergessen wir sie gern im stressigen Alltag und in unseren vollgestopften Wohnungen.

Uns ging es nicht anders. Seit unserer letzten Reise hatte ich vier Monate in der Uni verbracht und bin meinem tristen Tagesablauf nachgegangen. Jedes Mal habe ich in diesen Phasen das Gefühl zu erblinden, egal wie sehr ich mich dagegen sträube. Als wir dann endlich auf dem Trail waren, unterwegs bei Wind und Wetter, nichts hatten außer uns und dem Nötigsten – da hatte ich das erste Mal das Gefühl völlig frei von großen Dingen zu sein. Frei von Oberflächlichkeit, frei von unnützen Gedanken, frei von Besitz.

Für uns war der Trail auch in dieser Hinsicht eine völlig neue Erfahrung. Wir hatten das Gefühl unsere Umwelt zum ersten Mal klar zu sehen, ohne Schleier, ohne Ablenkung. Ein Baum, dessen Äste sich sanft im Wind wiegen, die klare Luft zum Atmen, kleine Blumen am Wegrand, warme Regentropfen auf der Haut. Wir spürten die kleinsten Dinge und sie wurden wichtig, wir haben sie beachtet. Dieses Gefühl hält noch immer an. Langsam schleicht sich zwar die Alltagsblindheit wieder ein, doch langsamer zuvor und die Erinnerung an die Tage auf dem Trail lassen uns wacher durch die Straßen laufen.

#4 Du wirst glücklicher.

„The real things haven’t changed. It is still the best to be honest and truthful to make the most of what we have to be happy with simple pleasures.”

Wenn Du einen Freund fragst, was er sich vom Leben wünscht, ist die Antwort häufig: „Ich möchte glücklich sein.“ Dank der vielen Facebook-Pages, die fleißig schlaue Zitate schlauer Menschen teilen und unserer eigenen Erfahrung wissen wir aber, dass Glück wohl eher ein Gemütszustand, als ein endgültiges Ziel ist – und der Weg zum Glücklichsein ist sehr simpel.

Alles, was wir dafür tun müssen ist unser Leben ebenso simpel zu gestalten – indem wir Minimalismus nicht als Verzicht, sondern als Geschenk betrachten. Das mag jetzt vielleicht nach einem schlechten Scherz klingen, denn im Grunde bedeutet das, unser Weltbild und den bisherigen Lebensstil zu hinterfragen und sich das vermeintlich Schlechte schön zu reden. So hätte ich es vielleicht selbst vor dem Trail empfunden und mit Sicherheit denkst Du gerade genauso.

Erst das befreiende Gefühl nichts zu haben, das ich nicht brauchte, hat mir bewiesen, dass ich wacher bin, meine Umwelt klarer sehe und mich vollkommen auf das Wesentliche konzentrieren kann. Indem wir in unserem Leben aufräumen und es von Unnützem säubern können wir die wahre Bedeutung von Reichtum verstehen, unser Verstand wird sich klären, wir werden endlich die kleinen Dingen sehen und so unsere Freiheit ganz neu definieren.

Von Magda Lehnert, Dezember 2015. Alle Zitate stammen von Laura Ingalls Wilder. Dieser Artikel ist Teil einer gerade entstehenden Serie über den Alpe Adria Trail (http://twofarfromhome.de/category/wandern/alpe-adria-trail).

 

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Wollt ihr den Alpe-Adria-Trail selbst erleben? Hier gehts zum Rother Wanderführer:

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Alle Rother Weitwander-Führer und Bücher zum Thema findet ihr hier:

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Weitwandern #2: Trekkingparadies Nepal

Weitwandern #2: Trekkingparadies Nepal

Blogbeitrag von Stephan Baur und Susanne Arnold, Autoren des Rother Wanderführers »Annapurna Treks« 

 

»Nepal ist ein Trekkingparadies« – das sagen unsere beiden Autoren Stephan Baur und Susanne Arnold – und zwar gerade auch jetzt, ein Jahr nach dem verheerenden Erdbeben.

2009 haben beide für mehrere Wochen als Lehrer in einer nepalesischen Schule gearbeitet – eine Zeit, die sie sehr geprägt hat. Warum sie von dem kleinen Land so begeistert sind und weshalb eine Reise dorthin absolut empfehlenswert ist, könnt Ihr hier lesen:

 

 

Wer an eine Trekkingtour denkt, mag sofort an Nepal denken! Schon aus diesem Grund kann Nepal als das Trekkingland schlechthin bezeichnet werden. Nach dem Erdbeben im Frühling 2015 gingen unzählige tragische Fotos und Videos von Nepal um die Welt. Zum Glück sind aber viele Regionen des Landes von diesem schrecklichen Ereignis verschont geblieben. Einer Reise in das faszinierende Land der hohen Berge steht derzeit nichts entgegen! Acht der Vierzehn 8000er befinden sich in Nepal oder stehen direkt an der Grenze des Landes. Nepal ist das schmale Land zwischen den beiden Giganten Indien und China, von denen es maßgeblich beeinflusst wird. Es ist das Land mit namhaften Pässen mit Höhen weit über 5000 Metern. Gipfel mit weniger als 6000 m Höhe tragen keinen Namen, sondern werden einfach nur als „danda“ (Hügel) bezeichnet. Diese grandiose Hochgebirgslandschaft ist übersät von unzähligen Wanderwegen. Und so ist es kein Wunder, dass es viele Wanderer in diese atemberaubende Region zieht.

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Blick über die Ortschaft Braga hinweg auf das Annapurna-Massiv

Abwechslung pur im Annapurna-Gebiet

Neben dem Everest- und Langtang-Gebiet ist das Annapurna-Gebiet die bekannteste und am besten erschlossene Wanderregion in Nepal. Im Zentrum dieses Gebietes steht das Annapurna-Massiv, dessen höchster Gipfel mit 8091 Metern die Annapurna I ist. Auch ringsum sind atemberaubenden Spitzen anderer Schneegiganten zu sehen: z.B. Annapurna II (7937 m), Dhaulagiri (8167 m), Machapuchare (6997 m) etc.

Allerdings starten die meisten Trekkingtouren im Annapurna-Gebiet auf Höhen unter 1000 m. Die klassische Annapurna-Umrundung beginnt in der Ortschaft Besisahar auf etwa 800 m. Zwischen Bananenstauden und Reisterrassen gewinnen wir während der ersten Tage der Tour langsam aber stetig an Höhe. Dabei durchwandern wir auf dieser gewaltigen Runde eine Vielzahl von Landschafts- und Vegetationszonen. Dieses breite geografische Spektrum und der enge Kontakt zur einheimischen Bevölkerung machen eine Reise im Annapurna-Gebiet zu einem ganz speziellen Erlebnis. Die bunte Mischung aus Tiefland und Hochgebirge sind einzigartig!

 

Kleines Land mit großer Faszination

Obwohl Nepal rein geografisch gesehen ein sehr kleines Land ist, hat es viele unterschiedliche Facetten und ruft verschiedenartige Assoziationen hervor. Es ist ein Land der Kontraste mit sehr verschiedenen Kulturräumen und Menschen. Es ist das Land, in dem die zwei Weltreligionen Buddhismus und Hinduismus friedlich nebeneinander existieren. Es ist das Land, auf das sich viele unserer westlichen Sehnsüchte richten: ruhige kleine Bergdörfer, freundliche und lachende Menschen, die ein einfaches, religiöses und oft hartes Leben führen. Wir denken an Gletscher und grandiose Eisriesen. Nepal besteht aber nicht nur aus Hochgebirge. Gerade ein Drittel des Landes ist alpines Gelände. Im subtropischen Süden an der Grenze zu Indien dominieren Reisfelder und Dschungel. Und das Land bietet noch viel mehr. Da ist die Hauptstadt Kathmandu mit Smog, Überbevölkerung, täglichem Verkehrschaos, großer Armut und für uns einer großen Portion Exotik. Und es ist ein Land der raschen Veränderungen. Da sind die vielen neu geplanten und bereits angelegten Jeep-Pisten, die in ganz Nepal, auch im Annapurna-Gebiet, immer weiter in die entlegensten Täler führen. Diese und viele andere Maßnahmen haben einen nachhaltigen Einfluss auf die Landschaft und die Bevölkerung. Aber dieses Kaleidoskop aus vom Reisenden erträumten, aber zum Teil auch abschreckenden Aspekten ist nur in seiner Gesamtheit das reale, moderne und faszinierende Nepal.

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Hirten leben in den Sommermonaten in sehr einfachen Behausungen bei ihren Yak-Herden

2015 – ein tragisches Jahr

Wie wir alle in den Medien mitverfolgen konnten, geschah im April 2015 ein schreckliches Erdbeben, welches folgenschwere Konsequenzen für die Bevölkerung hatte. Etwa 9000 Menschen verloren dabei ihr Leben. Zahlreiche Häuser und historische Bauten, wie Tempel – auch in der Hauptstadt Kathmandu – wurden schwer beschädigt und zum Teil völlig zerstört. Von den bekannten Trekkingtouren sind besonders die Wege im Langtang- und im Manaslu-Gebiet betroffen. Viele Straßen sind immer noch schwer oder noch nicht passierbar. Das Annapurna-Gebiet blieb von größeren Schäden und Erdrutschen verschont. Eine Reise ins Gebiet rund um die Annapurna kann derzeit ohne Bedenken und ohne Einschränkungen durchgeführt werden! Auch in Kathmandu wurde mit dem Wiederaufbau begonnen und ein Aufenthalt dort ist problemlos möglich und sehr lohnend! Gerade dieses gebeutelte Nepal und seine Bevölkerung sind auf die wichtigen Einnahmequellen durch den Tourismus angewiesen.

Hinzu kam, dass das Land  gerade in den schweren Monaten nach dem Erdbeben von Seiten Indiens einer Handelsblockade ausgesetzt war. Das ohnehin schon geschwächte Land wurde durch Grenzblockaden stark getroffen. Es kam bei Gütern, wie Diesel, Benzin, Kochgas und Medikamenten zu starken Engpässen. Zum Glück hat sich diese Situation wieder beruhigt und Reisende werden davon nichts mehr spüren.

Als Lehrer im Manangtal

2009 waren wir für gut sechs Monate in Nepal unterwegs. Während dieser Zeit durften wir neben unseren zahlreichen Wanderungen für mehrere Wochen an einer kleinen Schule im Manangtal im Schatten der Annapurna mithelfen. Die Zeit dort zusammen mit den Schülern, Lehrern und Mitarbeitern an der Lophelling-Schule hat uns sehr begeistert und geprägt. Es besteht immer noch ein sehr enger Kontakt zur Schulfamilie und als aktive Mitglieder der Nepal-Initiative-Schongau fördern wir das Schulprojekt auf unterschiedlichen Ebenen. Bei Interesse könnt auch Ihr dieses nachhaltige Schulprojekt durch eine kleine Spende unterstützen. Nähere Informationen gibt es auf folgender Homepage:

www.nepal-initiative.de

 

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Die Kinder an der Lophelling-Schule lernen drei Sprachen: Tibetisch, Nepali und Englisch

 

Nepal verändert die Herzen

Während des halben Jahres in Nepal sind uns das Land und die Bevölkerung sehr ans Herz gewachsen. Seitdem sind wir immer wieder in das Annapurna-Gebiet zurückgekehrt. Wir haben die unterschiedlichen Gesichter des Landes kennen und schätzen gelernt. Dadurch dass wir enge Kontakte zu den Einheimischen aufbauen konnten, lernten wir ihre Lebensweise, Einstellungen und Kultur kennen. Einige moderne Entwicklungen im Land haben uns zunächst etwas traurig gestimmt. Uns ist aber dabei bewusst geworden, dass wir die Zeit nicht anhalten können. Auch in Europa sind die Alpen erschlossen und kleine Dörfer an die Zivilisation angegliedert worden. Wäre es nicht unnatürlich, als fremder Beobachter durch eine Art historisches Freilichtmuseum spazieren zu wollen – obwohl es eine Welt in dieser nostalgischen Form gar nicht mehr gibt? Auch nach weiteren Reisen sind wir uns ganz sicher, dass das Trekking-Paradies rund um die Annapurna durch seine Veränderung keineswegs an Reiz verloren hat. Dieses reale Nepal strahlt, trotz – oder gerade wegen – seiner Ecken und Kanten, eine unglaubliche Faszination aus. Uns werden die vielen magischen, wunderschönen, rührenden, aber auch erschreckenden Momente während all der Tage in Nepal immer im Gedächtnis und Herzen bleiben. Es ist spannend diese Entwicklungen im Land Nepal mitzuerleben und Pläne für die nächsten Nepal-Reisen spucken schon im Kopf. Viel können wir von diesem Land und der Bevölkerung dort lernen. Und auf jedem Rückflug ist der Rucksack voll mit neuen und sehr wertvollen Erfahrungen. Denn, um es frei nach Edmund Hillary zu sagen: Wir werden Nepal nicht verändern, aber Nepal hat uns verändert! Und vielleicht bald ja auch Euch

 

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Atemberaubender Blick von der Ortschaft Braga im Manangtal auf das Annapurna-Massiv

Weitwandern #1: Warum ich das Fernwandern liebe

Weitwandern #1: Warum ich das Fernwandern liebe

Christof Herrmann, Autor des neuen Rother Wanderführers »Alpenüberquerung Salzburg – Triest«, ist wie kein anderer ein Kenner beim Thema Fernwandern. In seiner Freizeit ist er immer und überall unterwegs, schreibt Tourenführer und berichtet von seinen Erlebnissen auf einfachbewusst.de. Lasst euch von seiner Begeisterung fürs Weitwandern anstecken und lest hier seinen Blogbeitrag:

Bild 1_Rother_Alpenueberq Salzburg Triest_Etappe07 In den Salzburger Schieferalpen_Copyright Stephanie Spoerl
„Der Weg ist immer besser als die schönste Herberge.“ (Miguel de Cervantes)

Wandern ist mobile Meditation

Ich wandere für mein Leben gern. Beim Wandern bin ich der Natur so nah und kann ich mich so schnell entschleunigen wie bei keiner anderen Fortbewegungsart und Freizeitaktivität. Die landschaftlichen Reize und leisen Töne der Natur ersetzen die alltäglichen Reize wie Computer, Musik, Fernsehen, ständige Erreichbarkeit und Betriebsamkeit, Straßenlärm und Menschenansammlungen, die uns nach und nach krank machen. Die Langsamkeit und Natürlichkeit wirkt auf mich meditativ. Wandern ist mobile Meditation. Ich empfinde dies besonders in anspruchsvollem Gelände, etwa wenn ich in den Alpen einen Berg erklimme und mich dabei auf meine Schritte und Atmung konzentriere. Stehe ich schließlich auf dem Gipfel, ist mein Kopf frei und mein Herz offen. Ein derartiges Glücksgefühl hat man unten im Tal respektive im Alltag nicht so schnell.

Königsdisziplin Fernwandern

Das Fernwandern ist so etwas wie die Königsdisziplin des Wanderns. Es ist auch unter dem Begriff Weitwandern bekannt und bezeichnet eine mehrtägige oder mehrwöchige Tour, bei der man jede Nacht an einem neuen Ort schläft. Im Laufe der Zeit überbrückt man große Strecken. Ganze Länder können per pedes durchquert und kennengelernt werden. „Was ich nicht erlernt habe, das habe ich erwandert“, sagte schon Goethe. Da ich flexibel bleiben möchte, reserviere ich möglichst keine Unterkünfte. Beim Aufbrechen am Morgen weiß ich meist nicht, wo ich abends lande. In unserer geregelten Welt hat das etwas Abenteuerliches.

Reich wie ein Scheich und frei wie ein Vogel

Beim Fernwandern komme ich meinem Ideal eines minimalistischen Lebens am nächsten. Alles, was ich in den Wochen unterwegs benötige, passt locker in einen 32-Liter-Rucksack. Alles, was ich in dieser Zeit zu tun habe, ist mich fortzubewegen, mich zu (ver)pflegen, eine Bleibe für die Nacht zu finden und mich hin und wieder bei meinen Lieben zuhause zu melden. Obwohl ich also kaum etwas bei mir habe, fehlt es mir an nichts. Ich fühle mich reich wie ein Scheich und zugleich frei wie ein Vogel. Diese Erfahrung kann einen lehren, auch nach der Rückkehr einfacher zu leben und sich wieder mehr den für einen selbst wichtigen Dingen zu widmen.

Oft ganz unverhofft: Begegnungen mit Menschen

Wie im Alltag sind auch auf Fernwanderungen Begegnungen mit Menschen das Salz in der Suppe des Lebens. Startet man als Paar oder in einer Gruppe, gibt es reichlich Gelegenheit, sich auszutauschen. Ist einem der Austausch zu reich, kann man sich an der nächsten Steigung dezent zurückfallen lassen. Ich bin auch mehrmals alleine gestartet. Einsam habe ich mich nie gefühlt. Zum einen war stets Leben in Form von Flora und Fauna um mich herum, zum anderen kam es oft ganz unverhofft zu Begegnungen. Ein Bauer auf dem Feld, mit dem ich ein paar Worte wechseln konnte. Ein Hüttenwirt, der Interessantes über seine Bergregion erzählte. Ein Wanderer, der in die gleiche Richtung ging. Ist man auf einem Fernwanderweg unterwegs, kann es sein, dass dieser Wanderer das gleiche Etappenziel oder sogar das gleiche Ziel der gesamten Tour hat. Ich freue mich immer, auf ein bekanntes Gesicht zu treffen. Mit manchen bin ich tagelang zusammen gewandert, einige davon zähle ich mittlerweile zu meinen Freunden.

7 Fernwanderungen in 4 Jahren

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All das klingt so, als wäre ich als Fernwanderer geboren worden. Auch wenn ich seit meiner Kindheit gerne und viel wandere, war die 133 km lange Tour auf dem Nurtschweg im Frühling 2012 meine erste richtige Fernwanderung. Es war Liebe auf den ersten Schritt. Seitdem habe ich mehrere Fernwanderungen unternommen. Im Sommer des gleichen Jahres bin ich von meiner Haustüre aus nach München und weiter auf dem Traumpfad München-Venedig über die Alpen marschiert. Wie es mir dabei ergangen ist, kannst Du in meinem kostenlosen E-Book nachlesen. In den letzten drei Sommern war ich auf der Alpenüberquerung Salzburg-Triest unterwegs. Ich habe sie selbst ausgearbeitet und beschreibe sie in einem Wanderführer, der im Mai 2016 im Bergverlag Rother erscheint. Im gleichen Verlag gibt es bereits mein Buch über den Fränkischen Gebirgsweg, den ich im Frühling letzten Jahres gegangen bin. Heuer habe ich noch eine Tour auf dem
Pandurensteig im Bayerischen Wald gemacht.

Nach der Tour ist vor der Tour

Ich kann es kaum erwarten, 2016 wieder mit wenig Gepäck und viel Lust am Unterwegssein zu starten. Eine Tour soll mich ins Mittelgebirge führen, eine zweite in die Alpen. Ich werde mich diesmal nicht groß vorbereiten und auch keinen Wanderführer schreiben. Ich werde das um mich herum bestaunen und neugierig darauf sein, was mich hinter der nächsten Kurve erwartet. Kurzum, ich werde Vergnügen am Fernwandern haben.

Warst Du schon fernwandern? Wenn ja, wo? Und planst Du für 2016 eine Tour?

Bild 3_Rother_Alpenueberq Salzburg Triest_Etappe10 Herzog-Ernst-Spitze_Copyright Katharina Ott

Dieser Artikel erschien erstmalig auf Christof Herrmanns Blog www.einfachbewusst.de am 19. Dezember 2015.


Lust bekommen? Ober habt ihr andere Wünsche für eure persönliche Alpenüberquerung?
Wir haben hier noch mehr besondere Vorschläge für Euch:

 

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