Nach dem Vrenelisgärtli verschlug es uns, vor den Regengüssen fliehend, in die Südalpen, ins Piemont. Nach Neuschneefällen erwartete uns hier (mitten im Juli!) eine beinahe herbstliche Tour auf den Monviso / Monte Viso (3.841 m). Wir waren beide noch nie auf diesem legendären Berg in den Cottischen Alpen gewesen, der in der Antike als höchster Gipfel der Alpen galt. Der Monte Viso, oder auch Monviso, zählt nicht zuletzt wegen seiner von allen Seiten weithin sichtbaren Gestalt zu den bekanntesten Bergen Europas. Er überragt alles um sich herum und dominiert die Po-Ebene westlich von Turin. Praktisch jedem, der irgendwo zwischen Dauphiné, Gran Paradiso oder den Walliser Alpen unterwegs war, ist dieser markante Berg zwischen Italien und Frankreich schon einmal ins Auge gefallen.

Das Wetter war allerdings auch hier durchwachsen, in der Nacht hatte es oben angeblich 40 cm Neuschnee gegeben. Doch wir hatten Glück: Am Aufstiegs- und Gipfeltag blieben wir fast trocken und die Sicht war auch passabel. Pickel und Steigeisen brauchten wir auch nicht.

Monviso Normalweg – schöne Felstour bei herbstlichen Bedingungen

Der Normalweg auf den Monviso / Monte Viso ist keine Gletschertour, sondern eine reine Felstour mit Kletterei meist im I-II. Grad, stellenweise bis III. Lange eiert man über wackeliges Blockgelände. Unterhalb des Gipfelaufbaus liegen wunderschön dunkel schimmernde Seen – unzählbar viele! Am Ufer lagern die Steinböcke. Wie anders als noch in den Blumenwiesen unterm Vrenelisgärtli! Trotz der Steinwüste hat es etwas Friedliches und Beruhigendes.

Wir starten kurz vor 5:00 im Dunkeln. Im Schein der Stirnlampen stolpern wir über grobes Blockgelände, doch dank der guten Markierung mit gelben Strichen finden wir einigermaßen die Route bis zum Bivacco Andreotti (3.225 m). Hier beginnt für uns der Schnee. Aber endlich auch das Licht 😊! Wir waren entweder zu früh gestartet oder zu schnell (1 Stunden bisher) 😉 . Wegen der Wolken wurde es auch nur wenig hell, aber glücklicherweise erweisen sich die Felsen als gut zu klettern – entweder schneefrei oder mit gutem Trittschnee.

Bei einem ersten Türmchen fühle ich mich allerdings unsicher auf dem nassen Fels und mein Freund muss mich ans Seil nehmen. Wer klettertechnisch sicher ist, kann den Normalweg auf den Monviso als reine Felstour bis III auch seilfrei gehen, aber ich steige so sicherer. Der Einfachheit halber gehen wir am kurzen Seil weiter bis zur nächsten Kletterstelle. Und so arbeiten wir uns die Felsen hoch, mal im Gehgelände, mal leicht kletternd.

Gipfelfrühstück

Obwohl mich mein Freund doch immer mal an schwierigeren Kletterstellen sichern muss, kommen wir zügig voran. Nach nur 3 Stunden stehen wir um 8:00 am Gipfel – auf dem höchsten Berg der Cottischen Alpen in Italien :-)! Das Wetter ist gnädig: Immerhin nach Süden haben wir etwas Aussicht. Der Blick reicht bis in die Po-Ebene und in Gedanken bis nach Turin. Bis kurz unterm Gipfel ist es auch erfreulich warm, kein Wind, nur oben weht es eisig. Dennoch gönnen wir uns die Zeit für unser zweites Frühstück. Warum sonst steige ich denn hier rauf ;-)? Und es schmeckt auch immer dreimal so gut am Berg ;-)! Danach geht es gut gelaunt an den Abstieg.

Abstieg vom Monviso & Italien-Genuss

Gemeinsam mit einem einzelnen stillen Franzosen (mit dem wir bereist aufgestiegen sind) machen wir uns an den steilen Abstieg auf derselben Route. Erst weiter unten begegnen uns die ersten weiteren Bergsteiger im Aufstieg vom Rifugio Quintino Sella. Der nun nassere und durch die vielen Füße glatt getrampelte Schnee machen es mir nicht leichter, und so brauchen wir runter fast genauso lange wie rauf. Aber zum Glück wurde unser Wetter-Vertrauen belohnt: Es beginnt nicht wie angekündigt um 9:00 zu Regnen! So kommen wir heile die Felsen runter. Das Gestolpere über Blöcke nimmt allerdings kein Ende, und die ca. 2.300 Höhenmeter Abstieg ziehen sich dann doch ganz schön.

Müde und glücklich erreichen wir die Straße und freuen uns über den nahen, ruhigen und netten „Camping Narciso“ (mit italienischer Bar, wie es sich gehört). Überhaupt merke ich, wie ich mich gleich im Urlaub fühle, sobald ich eine italienische Bar betrete – sei es zum Frühstücks-„caffè“ und „cornetto“ oder zum Nacht-der-Tour-Bierchen („aperitivo“) mit Chips. Italien! 🙂

Persönliches Fazit

Mein persönliches Fazit: Die Besteigung des Monviso ist absolut eine Reise wert! Wegen seiner Prominenz von Weitem und fast überall sichtbar, ist dieser hohe Dreitausender in den Cottischen Alpen unbedingt lohnenswert. Auf dem Normalweg als reine Felstour mit meist I-IIer Kletterei, wenige Stellen III, in wilder Felsblocklandschaft mit Seen und Steinböcken ein echter Traum! … selbst bei herbstlichen Bedingungen ;-).

Noch mehr hohe Gipfel

Weiter ging’s! Nachdem uns das Wetter vom Vrenelisgärtli in der Schweiz bis hierher nach Italien verschlagen hatte, zog es uns erstmal noch in die benachbarte Dauphiné in den französischen Alpen. Hier ging es auf die aussichtsreiche Grande Ruine (3.765 m). Am Ende unseres Urlaubs schafften wir es dann schließlich auch noch zu unserem ursprünglichen Ziel: der Dent d’Hérens, einem Viertausender im Aostatal/Wallis. Nach den zwei Urlaubswochen fühlen wir uns bereichert wie nie, denn wir haben – ungeplant – ganz unterschiedliche Bergregionen kennengelernt.
Neugierig? Hier kannst du weitere Erlebnisberichte lesen:

Tourentipps und genaue Wegbeschreibungen zu allen bekannten Hochtouren ebenso wie stilleren Routen findest du in den Rother Selection Bänden Hochtouren Ostalpen, Westalpen Band 1 und Westalpen Band 2. Von leicht bis schwer kann man sich hier in seiner eigenen Bergsteigerkarriere „hocharbeiten“, die Auswahl ist reichlich. Und wie ich finde: Die Qual lohnt sich immer wieder. 😉

Ich wünsche euch allen ebenso tolle, erfüllende Erlebnisse am Berg!
Eure Gesine, aus dem Rother Marketing

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