Wer derzeit in unseren Wäldern wandern geht, kann viele Veränderungen im Waldbild beobachten. Ob zu Hause im Stadtwald, im nahen Forstrevier oder im Nationalpark – überall entdecken wir abgestorbene Nadelbäume oder neu entstandene kleinere oder größere Kahlschläge. Warum das so ist und wer dafür verantwortlich ist, erfährst Du in diesem Beitrag über den BORKENKÄFER – von Waldbesitzern gefürchtet, von Naturschützern akzeptiert…

Was Du schon immer über den Borkenkäfer wissen wolltest…

Gleich mal vorweg: Es gibt nicht DEN einen Borkenkäfer.

Weltweit sind über 6000 Borkenkäferarten bekannt und immer wieder werden neue entdeckt. In Europa sind etwa 300 Arten heimisch, davon in Deutschland mehr als 100. Jede Käferart hat ihre Lieblingsbaumart, auf die sie sich spezialisiert hat.

Biologen unterscheiden die Käfer auch danach, wo sie ihre Brut ablegen. Sogenannte Rindenbrüter, wie beispielsweise der Große Birkensplintkäfer, legt seine Brut unter der Rinde im Bereich der nährstoffreichen, feuchten Schicht von Bast und Kambium. Andere Käferarten sind Holzbrüter wie z.B. der Buchen-Nutzholzborkenkäfer. Sie bohren für die Eiablage das Holz der Wirtsbäume an. Die Larven fressen sich in diesen Brutröhren weiter und verpuppen sich dort. Die meisten Arten nutzen lebende Bäume bzw. frisch geschlagenes Holz. Doch es gibt auch auf Totholz spezialisierte Borkenkäfer.

Von Buchdruckern und Kupferstechern

Spricht man in den Medien allgemein vom „Borkenkäfer“, ist meist der „Buchdrucker“ gemeint. Eigentlich heißt er Großer Achtzähniger Fichtenborkenkäfer. In der Forstwirtschaft gilt er als der bedeutendste Schädling. Namensgebend ist sein typisches Brutbild, welches einem aufgeschlagenen Buch ähnelt. Der Sechszähnige Fichtenborkenkäfer legt dagegen sternförmige Brutbilder an, die entfernt an Kupferstiche erinnern – daher wird der Käfer auch „Kupferstecher“ genannt.

Da sich die heutigen Wirtschaftswälder noch immer besonders aus Fichte und Kiefer zusammensetzen, können sich hier entsprechend spezialisierte Borkenkäferarten besonders gut und massenhaft vermehren. Und weil vielerorts noch gleichaltrige Reinbestände existieren, erhöht dies das Befallsrisiko zusätzlich. Buchdrucker und Kupferstecher finden wir in Fichtenbeständen. Zwölfzähnige und Sechszähnige Kiefernborkenkäfer befallen die namensgebende Kiefer. Das Holz beider Baumarten wird vom Gestreiften Nutzholzborkenkäfer befallen. Lärchenwälder sind vom Großen Lärchenborkenkäfer bedroht.

In naturbelassenen Mischwäldern kommen viele Borkenkäferarten vor. Ein massenhaftes Auftreten ist dadurch seltener. Borkenkäfer gehören hier dem ganz normalen Kreislauf der Natur an.

Borkenkäfer sind Kommunikationsspezialisten

Gesunde Bäume können sich durch erhöhten Harzfluss und durch spezielle Pflanzenstoffe, wie den Terpenoiden, gegen den Befall durch Borkenkäfer wehren. Sie „verkleben“ den Eindringling, der dann stirbt.

Trockenheit und höhere Temperaturen im Zuge des Klimawandels, Luftverschmutzung, Bodenversauerung sowie unnatürliche Monokulturen und gleichaltrige Wälder begünstigen einen Borkenkäferbefall. Denn steht ein Baum bereits unter Stress oder ist gar vorgeschädigt, kann es den Borkenkäfern durch einen synchronisierten Massenangriff von tausenden Käfern leicht gelingen, die Abwehr des Baumes komplett zu erschöpfen und diesen in der Folge zum Absterben zu bringen. Zur Kommunikation für einen solchen Angriff nutzen sie Pheromone. Ist ein schwächelnder Baumkandidat erkannt, bohren sich die männlichen Käfer in die Rinde und legen „Rammelkammern“ an. Ist das gelungen, verströmen sie einen betörenden Duft, der Weibchen zur Paarung anlockt. So beginnt das gemeinsame zerstörerische Werk. Ist ein Baum zur Genüge belegt, geht es weiter zum nächsten Baum…

Borkenkäferfallen

Auf Lichtungen in gefährdeten Fichtenwäldern entdecken wir beim Wandern oft schmale schwarze Kästen mit Schlitzen. Diese aufgestellten Fallen nutzen die genannten Pheromone als Lockstoffe und ziehen auf diese Weise ausschwärmende Käfer an.

Zwar kann während der Schwärmphase solch eine Pheromonfalle pro Woche weit über 1000 Käfer fangen, doch zu einer erheblichen Reduzierung des Baumbefalls tragen diese gefangenen Käfer nur unwesentlich bei. Die Fallen dienen in erster Linie zur Dokumentation des Flugverlaufes und dem Monitoring. Die Fallen müssen wöchentlich kontrolliert werden. Aus der festgestellten Anzahl der Käfer kann der Förster weitere Rückschlüsse ziehen. Er kann z.B. den Flugbeginn im Frühjahr feststellen.

Nun kann mit intensiveren Kontrollen der umstehenden Bäume begonnen und betroffene Bäume rechtzeitig entfernt werden. Wenn im Sommer die Fangzahlen plötzlich wieder stark ansteigen, ist eine neue Generation geschlüpft und wieder muss auf Befall kontrolliert werden. Winzige Einbohrlöcher in der Rinde, Bohrmehl am Stamm oder vom Specht angepickerte Rindenteile sind klare Indizien für den Borkenkäferbefall. Fallen bereits die Nadeln oder löst sich die Rinde, ist es längst schon zu spät.

Wußtest Du schon…

…, dass aus der Brut eines Borkenkäferweibchens innerhalb einer Vegetationsperiode bei drei geschlüpften Generationen weit mehr als 100.000 Nachkommen entstehen können? Wird ein einziger befallener Käferbaum im Frühjahr vom Förster übersehen, kann das zum Befall von mehr als 8.000 weiterer Bäumen noch im selben Jahr führen.

Wer sich genauer über Borkenkäfer und Schutzmaßnahmen im Wirtschaftswald informieren möchte, findet in den Forstämtern der Bundesländer die richtigen Ansprechpartner. Sie stellen auch entsprechende Infos für Waldbesitzer bereit, wie z.B. einen sehr umfangreichen und lesenswerten Praxisleitfaden zum Fichten-Borkenkäfer (www.wald-und-holz.nrw.de).

Borkenkäfer in Nationalparks

Borkenkäferwald, Abend am Plöckenstein (tschechisch Plechý, 1379 m), Foto: pixabay
Abendstimmung über dem Borkenkäferwald am Plöckenstein im Böhmerwald, heute Nationalpark und Landschaftsschutzgebiet (Foto: pixabay)

Als im Jahre 1970 im Bayerischen Wald der erste deutsche Nationalpark gegründet wurde, rückte bald auch der Borkenkäfer ins Zentrum von Diskussionen um Schäden in der Forstwirtschaft und um abgestorbene Waldflächen mit toten Bäumen. Drei intensive Borkenkäferwellen in Folge großflächiger Windwürfe in den 1980er-, 1990er und Mitte der 2000er Jahre veränderten das Bild des Bayerischen Waldes deutlich. Sie ließen rund 60 Prozent der Altfichten absterben. Das brachte damals viele Waldbesitzer gegen den Nationalpark auf. Heute streben junge Bäume unter den ausgetrockneten Totholzstämmen ins Licht. Die natürliche Erneuerung des Bergwaldes hat begonnen. Ein neuer Wald entsteht.

Mittlerweile ist die Kammregion des Bayerischen Waldes schon über 50 Jahre sich selbst überlassen. Wir Menschen beobachten, wie sich die Natur aus sich selbst heraus entwickelt. Nationalparks hat uns bis heute viele neue Erkenntnisse und Einsichten gebracht, wie Natur funktioniert. Immer mehr erkennen wir: Unsere „Probleme“ mit dem Borkenkäfer sind allesamt menschengemacht.

„Natur Natur sein lassen“

Das Motto aller Nationalparks auf der Welt lautet: „Natur Natur sein lassen“. Die Natur braucht Gebiete, wo sie sich völlig frei von Eingriffen des Menschen entwickeln kann. Große, miteinander in Kontakt stehende Naturflächen sichern eine große Artenvielfalt und damit die Grundlage unser aller Leben. Die Natur ist so komplex und ihre Bestandteile miteinander so sehr vernetzt, dass der Mensch davon wohl nur Bruchstücke verstehen und beherrschen kann. Damit es nicht zu einem totalen Kollaps kommt, muss ein Mindestanteil der Erdfläche der Natur vorbehalten bleiben. Nur so kann sie sich nach ihren eigenen Regeln frei entwickeln und entfalten.

Borkenkäfer sind ein wichtiger Bestandteil dieses Lebensnetzes. Sie sortieren durch ihr Treiben kranke Bäume aus und führen diese dem Kreislauf des Lebens zu. Ihrerseits sind sie Nahrungsquelle für Schlupfwespen, Milben, Lanzen- und Langbeinfliegen. Schwarz- und Kleinspechte klopfen die Rinde ab auf der Suche nach Borkenkäfern und Larven. Für den Ameisenbuntkäfer sind Borkenkäfer absolute Leckerbissen. Scharf auf Borkenkäfer ist auch der weniger bekannte Dreizehenspecht. Das Männchen ist gut an seiner gelben Kappe erkennbar.

Wenn das Klima sich verändert…

In den letzten Jahren ist das Thema Klimawandel stark in den Fokus gerückt. Bäume können vor Klimaveränderungen nicht flüchten. Sie stehen Jahrzehnte, gar Jahrhunderte an derselben Stelle. Die Standortbedingungen verändern sich in der jetzigen Zeit ungewöhnlich schnell. Innerhalb von wenigen Jahrzehnten ist es deutlich messbar wärmer geworden.

Die aus dem Nationalpark Bayerischer Wald bereits bekannten Folgen in der Natur sehen wir nun auch in anderen, jüngeren Wald-Nationalparks. Im Schwarzwald, Harz, in der Sächsischen Schweiz und in der benachbarten Böhmischen Schweiz (Národní park České Švýcarsko) gestaltet „Ingenieur Borkenkäfer“ den einstigen Forstwald aus Fichten und Kiefern radikal um. Die extremen Trockenjahren und einigen winterlichen Windwürfen der Jahre 2016 – 2019 haben diese Situation begünstigt. Während im Bayerischen Wald und im angrenzenden Böhmerwald (Národní park Šumava) der natürliche Waldumbau schon stark fortgeschritten ist, können Besucher des Nationalparks Sächsische Schweiz aktuell gerade den Beginn dieser Prozesse beobachten.

Borkenkäfer gestalten den Nationalpark Sächsische Schweiz

Das ungewohnte Bild der entnadelten Fichten, der chaotisch anmutenden Windwürfe und Totholzumbrüche mag zunächst erschrecken. Setzen wir uns doch bei unserer Wanderung einfach mal still auf einen der aussichtsreichen Felsen und lauschen hinein in die Natur. Bestimmt werden wir einige der Nutznießer dieser Naturentwicklung hören. Das Klopfen der Buntspechte, den langgezogenen Ruf des Schwarzspechtes oder das typische „Kjükkjükkjük“ des Grünspechtes.
Bei so viel mit Insekten befallenem Totholz – „Da lacht der Specht!“

Specht an seinem Nistplatz, einer Baumhoehle. Foto: Kaj-Kinzel
Specht beim Füttern vor einer Baumhöhle, seinem Nistplatz. Foto: Kaj-Kinzel

Wer genau hinschaut wird noch mehr sehen: Entstehende Baumhöhlen werden von anderen Vögeln als Unterschlupf oder Brutplatz genutzt. Umgestürzte Bäume werden von Pilzen und Moosen besiedelt. Käfer, Spinnen, Würmer und Kleinstorganismen verwandeln das Holz nach und nach zu nährstoffreichem Humus, der Basis für neues Waldleben. Viel Licht kommt jetzt bis auf den Waldboden und regt das Wachstum des einstigen Unterwuchses an. Zukünftig wird ein vielfältigerer Wald wachsen mit jungen, alten und uralten Bäumen. Es wird ein Mischwald entstehen, der sich aus verschiedenen Baumarten zusammensetzen wird. Dadurch wird der Wald deutlich resistenter gegenüber den hochspezialisierten Borkenkäfern.

Für uns Wanderer eröffnen sich zur Zeit durch den Borkenkäferbefall ganz neue Sichtachsen auf die imposanten Felsen des Elbsandsteingebirges. Ungewohnte Ausblicke auf die Felsenwelt mit ihren weiten Kesseln und tiefen Schluchten und Tälern. Das Gebirge ist heute viel wilder als noch vor einigen Jahren. Selbst auf normalen Wanderwegen bietet sich hier und da ein Bild, welches manch einer eher in einem Urwald vermutet. Umgestürzte Baumriesen müssen überstiegen werden. Moosüberzogene Äste und Baumstämme zieren den Wegesrand. In den Astgabeln der grünen Laubbäume hängen abgestorbene Fichten, die bereits ihre Rinde verloren haben. Der Wald wandelt sich und eine neue Wildnis entsteht.

Junger Wald mit toten Fichten in der Böhmischen Schweiz. Foto: Kaj Kinzel
Junger Wald mit toten Fichten in der Böhmischen Schweiz nach einem Waldbrand vor über 15 Jahren. Foto: Kaj Kinzel

Wilde Wege im Elbsandsteingebirge

Willst Du Dir selbst ein Bild vom Werden und Vergehen in der Natur der Sächsisch-Böhmischen Schweiz machen? Dann solltest Du Dir das neue Wanderbuch „Wilde Wege Elbsandsteingebirge“ vormerken! Es erscheint im Sommer ’22 im Bergverlag. Dafür waren intensive Recherchen vor Ort und ein reger Austausch mit der Nationalparkverwaltung notwendig. Dem Autor ist es gelungen, eine Vielzahl spannender Touren und Wanderziele zwischen Pirna und Děčín zusammenzustellen. Allesamt sind trotz der derzeit mit den Veränderungen des Waldes einhergehenden schwierigen Wegesituation gut machbar. Geschickt geführte Wanderrouten geben einen tiefen Einblick in die grandiose Sandsteinlandschaft rechts und links der Elbe.

Für Familien gibt es für das Elbsandsteingebirge ein weiteres empfehlenswertes Wanderbuch. In „ErlebnisWandern mit Kindern Elbsandsteingebirge“ wendet sich der weise Uhu Bubo in jedem Wandervorschlag an die Kinder. Er weiß Sagenhaftes zu berichten und erklärt so manch Naturphänomen am Wegesrand erklärt. Übrigens hat der Bergverlag eine ganze Wanderbuchreihe zum Thema Wandern mit Kindern aufgelegt.

Wanderurlauber finden auf dem Wanderblog www.kaj-kinzel.de regelmäßig aktualisierte Informationen zur Wegesituation, zu gesperrten oder temporär unpassierbaren Wanderwegen. Zusätzlich gibt er Tipps, worauf man auf Wanderungen im Nationalpark Sächsische Schweiz achten sollte. Darüber hinaus werden alternative Wanderziele außerhalb der Wildnis des Nationalparks vorgestellt.

Unsere Buchtipps:


Autor

Kaj hat als Autor im Rother Bergverlag mehrere Wanderführer veröffentlicht. Gelegentlich schreibt er auch auf dem Rother-Wanderglück-Blog. Seine Lieblingsregion ist das Elbsandsteingebirge und das nördliche Böhmen. Viele Jahre war er als Kletterlehrer, Höhlenführer und Leiter eines Familiencamps in der wunderschönen Sächsisch-Böhmischen Schweiz unterwegs. Als Umweltbildner im Nationalpark begeisterte er ganze Schulklassen für die Besonderheiten der heimischen Flora und Fauna. Er kennt sich daher in den Bergen bestens aus. Aktuelles zu seinen Wanderbüchern findest Du unter: www.kaj-kinzel.de

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