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In der Kolumne Philipps Bergkosmos schildert unser bergwütiger Autor fortan in regelmäßiger Unregelmäßigkeit und mit einem Augenzwinkern seine Sicht auf die Bergwelt. Wir freuen uns darauf und haben für Euch als Weihnachtsgeschenk Kolumne #1 im Gepäck.

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Kolumne #1:
Spekulatius-Berge und Kokosmakronen-Gletscher.
Weihnachtsgebäck im Wandergepäck

Klingeling. Habt ihr’s gehört? Weihnachten steht vor der Tür! Schnellen Schrittes, schier unaufhaltsam rückt er näher, der 24. Dezember – und überrumpelt mich doch jedes Jahr auf’s Neue. Dann wundere ich mich, verdutzt und leicht unbedarft, wie rasant das wieder ging. Hatten wir nicht gerade erst…?

Herbstsonne und der erste Puderzucker

Rückblick, Ende September. Nach einer spätsommerlichen Bergtour im Ostschweizer Alpsteingebirge beherrscht akuter Zuckermangel das Tagesgeschehen. Mein Bauch sendet eindeutige Signale, die Sturheit hält dagegen: so spotte ich gewohnt heuchlerisch über das bereits üppig mit Lebkuchen, Zimtsternen und Dominosteinen bestückte Supermarktregal. »Ende September!? Geht’s noch?« Da spiele ich nicht mit! Und greife stattdessen zur Bratapfelschokolade.

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Verflixt goldene Oktoberwochenenden

November – verflixt goldene Oktoberwochenenden samt sonnig-warmer Gipfelstunden haben dem Verlangen nach Weihnachtsgebäck kurzzeitig Einhalt geboten – füllt sich mein Kellerabteil sonderbar rasch mit Spekulatius-Bergen. Gekonnt unauffällig lagern neben vorwiegend festkochenden, nun vorwiegend marzipanhaltige Kartoffeln. Fällt niemandem auf. Oder? Zum hochkalorischen Kellerinventar gesellen sich wenig später die ersten überzuckerten Gipfel rechts und links des Rheintals. Zum Anbeißen – ja, beides!

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Winterzeit. Oder: das Plätzchendrama

Mit Beginn des Dezembers geschieht es dann, dass ich beim Anblick des vergletscherten Tödi ungewollt an eine wohlgeformte Kokosmakrone denke. Das erste Warnsignal! Nach einem eiskalten Husarenritt auf dem Fahrrad vom Pfänder hinab, gelüstet es mich spontan nach Husarenkrapfen. Und schließlich, beim Blick in den sternenklaren, vom Halbmond erleuchteten Himmel, überkommt mich ein gravierender Drang nach Zimtsternen und Vanillekipferl, der mir jegliche Form des Schlafs raubt. Ich bin besorgt. Ein präventiv angelegter Anruf bei meiner Mutter soll der aufkeimenden Depression zuvorkommen, ist jedoch nicht von Erfolg gekrönt. Auf ihren behutsamen Ratschlag, »ich solle mich erst mal beruhigen, mir ein gemütliches Plätzchen suchen«, werfe ich schockiert den Hörer von Dannen. Himmel nein, keine Plätzchen! Schlaf! Auf der Suche nach Ablenkung krame ich geschwind die 2016er-Auflage von »Winterwandern Allgäuer Alpen« hervor, beiße in den nunmehr staubtrockenen Gewürzspekulatius (lagert schon zu lange!) und spüre, wie der einsickernde Zucker im Blut zu…ruhig Blut führt. Mehr und mehr kraftstrotzend grübele ich, auf welchen mindestens fünf vorweihnachtlichen Winterwanderungen die wertvollen Spekulatius-Kohlenhydrate wieder abgebaut werden können, doch da – Klingeling!

Ja haben wir etwa schon…? Haben wir. Es ist wie mit jedem Verwandtenbesuch – die Vorbereitungen sind in vollem Gange, man selbst ist lange noch nicht vorzeigbar herausgeputzt, doch unbarmherzig läutet es an der Tür. Merry Christmas!

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Die Regelmäßigkeit und ich – ziemlich beste Freunde!

Zugegeben, eigentlich sollte ich es besser wissen. Grüßt Weihnachten doch in beständiger Regelmäßigkeit, bevorzugt jährlich. Und diese Regelmäßigkeit, das räume ich ein, ist mir nicht unlieb. Ich selbst praktiziere sie mit Bravour: so treibt es mich in entschiedener Regelmäßigkeit, regelrecht hochfrequent, in die Berge. Das Wochenende, ein – gottlob! – regelmäßig wiederkehrendes Element, scheint dafür prädestiniert. Prädestiniert, hoch frequentiert, schnell echauffiert! Nahezu mathematisch beschreibt diese Formel ein Paradoxon: den Groll vieler Wanderer über zu viele Wanderer. Um die Gleichung aufzulösen und den grollenden Bergsteigern ein vorzeitiges Weihnachtsgeschenk zu präsentieren, picke ich mir regelmäßig Touren auf wenig prominente Gipfel heraus. Prädestiniert, kaum frequentiert, hoch goutiert, so das Motto!

Allein, es stimmt nicht. Denn das Gutdünken, nach steilem Schlussanstieg meinem walrossgleichen Schnaufen freien Lauf lassen zu können, wird konterkariert durch eine irritiert blickende Bergsteigermasse am Gipfelkreuz. Unter größten Mühen unterdrücke ich meine Lärmbelästigung, japse etwas, das dem Wort »Servus« nahekommt, und stelle um, vom Walross auf den sanft röchelnden Mops. Mit mäßigem Erfolg; ein Bergsteiger, vermutlich Hundehalter, begutachtet mich fortwährend skeptisch. Meine Skepsis gilt hingegen der vielen unbekannten Namen auf diesem doch nur mir bekannten, so unbekannten Gipfel.

Nach Prüfung balastungsbedingter Halluzinationen erfahre ich in einem sympathischen Gipfelplausch, dass die vermeintlich ruhige Tour gar in einem Rother-Wanderführer auftaucht. Potzblitz! Um mir weitere Peinlichkeiten zu ersparen, verschweige ich mein Unwissen und bin perplex. Doch wieso eigentlich? Schließlich lässt sich auch dem Rother Bergverlag ein gewisser Hang zur Regelmäßig nachsagen: dem regelmäßigen Publizieren von Wanderliteratur! Wenig verwunderlich also, dass mittlerweile alle weißen Flecken auf der Landkarte mit Rother Wandertiteln gefüllt sind.

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Ein Hauch von Provence – der 400. Rother Wanderführer

Weit gefehlt! Mitte November, die Marzipankartoffeln gerade frisch eingelagert, lässt mich ein besonderes Jubiläum aufhorchen. Der 400. Rother Wanderführer erweitert das prall gefüllte Sortiment der handlichen roten Büchlein. Jubiläumsziel: die Lüneburger Heide! Ich blicke auf das Cover und träume mich in die Provence – leuchtend rosa Heidekraut ist darauf zu erkennen, welches mich an das Flieder von Lavendel erinnert. Ein schwungvoll angelegter Wanderpfad durchtrennt die Landschaft und lässt mich in Gedanken die Szenerie durchstreifen. Unterbewusst steigt mir der intensive Duft der sommerlichen Blüte in die Nase.

Ich bin hin- und hergerissen. Weihnachten wirkt plötzlich weit weg. Die Nähe der Marzipankartoffeln setzt einen unwirklichen Kontrast. Lüneburger Heide, zu was du doch fähig bist!

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Neujahrsvorsätze? 400 Kolumnenbeiträge in nur 33 Jahren!

Übrigens, Ende Dezember klingelt’s nicht, da knallt’s. Silvester grüßt und damit ein neues Jahr. Regelmäßig, ja, regelmäßig locken dann frische Neujahrsvorsätze. In der Regel eine Qual und von Jahr zu Jahr herausfordernder – sind doch die gescheiterten Vorsätze aus den letzten Jahren bereits aufgebraucht. Doch heuer bin ich optimistisch! Ich gestehe mir zwar ein, mein redliches Bestreben krachend verfehlt zu haben, das Wort »regelmäßig« in diesem Text 400 Mal – und damit recht regelmäßig – einzusetzen.

Doch eines wirkt machbar: diese Kolumne soll fortan regelmäßig erscheinen, alle zwei Monate, vielleicht gar monatlich? Mein hehres Ziel, insgesamt 400 Beiträge zu Papier zu bringen, erreiche ich damit schon nach schlappen 33 Jahren. Prost, Neujahr! Bis dahin – ich bin dann 60 Jahre alt – viele Grüße! Und frohe 33 Weihnachtsfeste. Klingeling!

Autor

Philipp, gebürtiger Münchner, wohnt am Bodensee, dessen Größe er am liebsten von nahen Gipfeln aus der Vogelperspektive bestaunt. Er schwört darauf, dass mit einer Kombination aus Öffis, Radel und Wanderschuhen fast jeder Gipfel erreichbar ist – zumindest, wenn ein kraftspendender Nusszopf im Tourengepäck enthalten ist. In dieser Kolumne schildert er fortan in regelmäßiger Unregelmäßigkeit und mit einem Augenzwinkern seine Sicht auf die Bergwelt.

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