Mitten in den Ampezzaner Dolomiten liegt Cortina d’Ampezzo auf rund 1200 m Höhe in einem weitläufigen, sonnigen Kessel, eingerahmt von den wuchtigen Bergmassiven der Tofane, des Monte Cristallo, der Punta Sorapiss und der Croda da Lago. Das malerische Städtchen Cortina, auch bekannt als die „Königin der Dolomiten“, ist ein idealer Ausgangspunkt für schier unendlich viele und schöne Tourenmöglichkeiten im Wanderparadies der Dolomiten. Unsere Autorin Margit Hiller schenkt uns drei ihrer Lieblingstouren.

Blick auf den Talkessel von Cortina d’Ampezzo vom Aussichtspunkt Val Negra aus. Foto: Margit Hiller
Blick auf den Talkessel von Cortina d’Ampezzo vom Aussichtspunkt Val Negra aus. Foto: Margit Hiller

Cortina d’Ampezzo – die Königin der Dolomiten

Über viele Jahrzehnte gab es Bestrebungen der überwiegend ladinisch sprechenden Bevölkerung, sich der Autonomen Provinz Bozen-Südtirol anzuschließen. Bis heute gehört Cortina d’Ampezzo administrativ aber zur Region Venetien, also zu Italien. Inzwischen ist die Mehrheit der Einwohner italienisch-sprachig.

Uns war das Städtchen bislang bekannt als etwas zu nobler und eher hochpreisiger Berg- und Wintersport-Ort – immerhin wurde hier schon 1903 die erste Skischule eröffnet. In der Zwischensaison, also ab Ende September etwa, fällt Cortina d’Ampezzo jedoch in einen fast dreimonatigen Dornröschenschlaf. Bergbahnen, Hütten und die meisten Hotels schließen und werden für den Winter fit gemacht, Busverbindungen werden eingestellt und die Bewohner sammeln Kraft und Nerven für den kommenden Wintersport-Rummel.

Für kurze Zeit gehört Cortina d’Ampezzo wieder den Einheimischen, Touristen trifft man kaum noch.  Dann wird der Ort plötzlich ganz sympathisch. Wir nisten uns auf dem einzigen noch geöffneten Campingplatz ein, inmitten bunt verfärbter Lärchen und mit spektakulärem Cristallo-Blick. Betreut werden wir von einer großen Schafherde und einigen Eseln, die rund um den Campingplatz Landschaftspflege betreiben.

Die Gipfel-Prominenz rund um Cortina d’Ampezzo ist schon von einer dünnen Schneeschicht „angestaubt“, aber in den Rother-WanderführerDolomiten 6“ und Dolomiten 7“ finden wir noch genügend bislang unbekannte Bergziele für uns.


*Rund um Cortina d’Ampezzo*
Lieblingstour #1: Monte Mondeval (2455 m) – Spritztour vom Passo Giau

  • 550 Hm
  • 4 Std.
  • Einfach

Tourenbeschreibung *Monte Mondeval (2455 m)*:

Wir gehen es gemütlich an: Da vormittags das asthmatisch röchelnde Auto verarztet werden muss, brauchen wir für den Nachmittag eine Wanderung mit überschaubarer Strecke und Höhendifferenz. Als erstes fällt einem dabei der Nuvolau ein, in puncto Aussicht eine der Top-Adressen in den Dolomiten und vom Passo Giau mit wenig Mühe zu erreichen – allerdings alles andere als ein Geheimtipp.

Uns ist heute ohnehin eher nach neuen, ruhigeren Zielen – der Monte Mondeval soll es sein. Huch, was ist denn das für eine Menschenansammlung am Passo Giau – ah, die Instagram-Junkies sind eingefallen! Sie stören nicht sehr, denn mit ihren Schminkköfferchen, Klamottensäcken, Hutschachteln und Yogamatten schaffen sie es eh nur auf den ersten Hügel neben der Straße, die Dolomiten dürfen ohnehin nur den Hintergrund für den neusten Influencer-Clip bilden.

Egal, nicht unsere Welt, also am Kapellchen vorbei in wenigen Minuten in die Forcella di Zonia und nahezu eben durch die Steilhänge zur Forcella di Piombin. Den nordseitigen und schon leicht vereisten Aufstieg zum Monte Cernera lassen wir rechts liegen und wandern über ein paar Schrofenriegel und in einer längeren Querung in den grünen Talboden des Val Cernera hinunter. An einer Weggabelung halten wir uns rechts und nehmen den etwas mühsamen und gerölligen, aber unschwierigen Aufstieg zur Forcella Giau in Angriff.

In einer ganz anderen Welt

Dort oben stehen wir völlig unvermittelt in einer ganz anderen Welt: Statt schroffem Fels tut sich eine weitläufige, fast prärieartige Wiesenlandschaft auf, man wartet eigentlich nur noch auf die Bisonherde. Auch der Monte Mondeval wirkt eher Dolomiten-untypisch: mit seiner schräg gestellten Grasflanke sieht er aus, als hätte er sich aus den Kitzbüheler Alpen hierher verirrt. Wir verlassen den markierten Wanderweg und folgen einer deutlichen Wegspur hinunter zum entzückenden Lago delle Baste, wo sich der Monte Pelmo dekorativ im Nachmittagslicht spiegelt. Die Besteigung der gutmütigen, mittelsteilen Grasflanke hinauf zum Mini-Gipfelkreuz ist nur eine Frage der Zeit, dann sitzen wir ganz allein wie im Inneren einer mächtigen Krone aus Fels, wobei die Kronzacken von Punta Sorapiss, Antelao, Monte Pelmo, Civetta, Marmolada, Sella-Stock, Tofane und Cristallo gebildet werden.

Unser Fazit: So viel Preis für so wenig Schweiß!


*Rund um Cortina d’Ampezzo*
Lieblingstour #2: Sasso della Para (2460 m) – durch die „Hintertür“ auf das Fanes-Sennes-Plateau

  • 1000 Hm
  • etwa 6 Std.
  • einfach
  • Auffahrt zur Malga Ra Stua mit dem Pkw (in der Nebensaison erlaubt): 200 Hm und ca. 1 Std. weniger

Tourenbeschreibung *Sasso della Para (2460 m)*:

Das weitläufige Hochplateau – Teil des Naturparks Fanes-Sennes-Prags – ist bei Wanderern sehr beliebt, mehrere bewirtschaftete Hütten und bekannte Gipfel erlauben zahllose Kombinationsmöglichkeiten. Für den Aufstieg wird meist der weit vorgeschobenen Großparkplatz Pederü mit Zufahrt aus dem Gadertal genutzt. Wir wollen uns heute aber mal durch die Hintertür anschleichen und einen recht unbekannten Gipfel ersteigen. Es ist wahrscheinlich keine Bildungslücke, wenn man vom Sasso della Para noch nie gehört hat.

Etwa 7 km nördlich von Cortina d’Ampezzo, in einer markanten Haarnadelkurve der SS51, beginnt das gut ausgebaute, steile Teersträßchen zur Malga Ra Stua, das man in der Nebensaison sogar befahren dürfte. Wir entscheiden uns aber für das Radl und strampeln – an der bereits geschlossenen Malga vorbei – weiter bis zu den noch im Morgennebel liegenden Campo-Croce-Wiesen. Hier folgen wir links der Beschilderung zum Almdorf Fodara Vedla und arbeiten auf den schottrigen Serpentinen einer alten Militärstraße gleich einen Teil der anfallenden Höhenmeter ab. Urplötzlich, quasi von einem Schritt zum nächsten, lehnt sich das Gelände zurück, wir haben offenbar den Rand der Sennes-„Suppenschüssel“ erreicht.

Schöner Zwischenstopp am Lago de Rudo

Der flache Lago de Rudo hat hübsche Brotzeitbänke und trotz des heißen Sommers sogar noch ein bisschen Wasser. Etwa zehn Minuten später – also noch vor der Fodara Vedla – darf man den Abzweig zum Gipfelziel nicht verpassen: Links, jenseits eines trockenen Grabens erkennt man deutlich eine Wegspur, das dazugehörige alte Holzschild in den Latschen entdeckt man aber erst, wenn man bereits „auf Verdacht“ abgebogen ist. Danach gibt es kein Verhauen mehr: unmarkiert, aber deutlich erkennbar und völlig problemlos führt der Weg am Fuß des Lavinores-Massivs entlang und in einer langen Querung in eine namenlose Einsattelung. Einmal noch scharf rechts abbiegen und in mittelsteilen Serpentinen den langen Gras-Schotter-Hang hinaufgeschnauft, dann ist die weitläufige Gipfelliegewiese und das hübsche schmiedeeiserne Kreuz mit Rosenkranz erreicht.

In puncto Aussicht ist der – für Dolomiten-Verhältnisse ja eher kleine – Gipfel ein absoluter Glücksfall: Neben Seekofel und Monte Sela di Sennes lugen Zehner, Heiligkreuzspitze und Lavarella hervor, im Süden ragen die schroffen Tofane in den Himmel, im Osten das Cristallo-Massiv und die senkrechten Wände der Gaisl-Türme – und das alles aus sehr ungewohnter Perspektive. Wir wechseln am Gipfel viertelstundenweise die Liegeposition und die Blickrichtung, um das Wahnsinnspanorama überhaupt einigermaßen in den Kopf zu bekommen.

Unser Fazit: Auch in den gut erschlossenen Dolomiten gibt es noch wenig besuchte Gipfel –  und sogar mit perfektem Rundum-Panorama!


*Rund um Cortina d’Ampezzo*
Lieblingstour #3: Auf den Monte Formin (2657 m) und rund um die Croda da Lago

  • 1050 Hm
  • ca. 6 Std.
  • mittelschwer
  • stellenweise Trittsicherheit nötig/Streckenlänge nicht unterschätzen
Gipfelblick mit Marmolada und Sella. Foto: Margit Hiller
Gipfelblick mit Marmolada und Sella. Foto: Margit Hiller

Tourenbeschreibung *Auf den Monte Formin (2657 m)*:

Die Croda da Lago, ein markantes Bergmassiv südwestlich von Cortina d’Ampezzo, wollen wir heute umrunden, als „Zuckerl“ ist hoffentlich noch ein Abstecher zum Monte Formin drin. Ausgangspunkt ist der Wanderparkplatz Ponte di Ru Curto an der Straße zum Passo Giau, etwa 10 km von Cortina d’Ampezzo.
Nach einem idyllischen Waldstück entscheiden wir uns an der Verzweigung Cason di Formin für den Aufstieg durch das Val Formin. Mit sicherem Abstand zur Bergsturzzone links schlängelt sich der Wald angenehm durch bunt verfärbten Lärchenwald. Nur recht schattig und fröstelig ist es in diesem nach Norden ausgerichteten Tälchen, das zudem immer enger wird. Kurzzeitig verlieren wir die blassen Markierungen aus den Augen – dass die immer steiler werdende Steigspur hinauf ins Geröll eine Sackgasse ist, merken wir aber schnell. Die italienische Wandergruppe, die uns bisher vertrauensvoll auf Schritt und Tritt gefolgt ist, merkt es auch – zumal man von hier oben prima die nächste Markierung im Talgrund erkennen kann. Also, allesamt kehrt.

Die großen Bergsturz-Trümmer, die den Weg im Talgrund zu blockieren schienen, lassen sich dann doch leichter als gedacht umgehen, nur ab und zu müssen an Schrofenriegeln kurz die Hände eingesetzt werden. Direkt vor bzw. über uns scheint sich das Gelände zu weiten, dort ist Sonne! Schnell bringen wir den letzten steilen Aufschwung im Blockwerk hinter uns – und erleben von einem Meter zum anderen den krassesten Landschaftswechsel. Statt im eng eingeschnittenen Tal stehen wir urplötzlich auf einer sonnigen, rund 1 qkm großen Karstfläche, der schwammerlförmige Gipfelaufbau des Monte Formin ist halb rechts voraus in einiger Entfernung schon zu erkennen.

Die Steinmanndl zeigen uns den Weg

Wir widerstehen der Versuchung, einfach direkt auf den Gipfel zuzulaufen und bleiben auf dem jetzt gut erkennbaren und sehr bequemen Weg bis zur Forcella de Formin. Sie hat zwar keinen Wegweiser, aber ein imposantes XXL-Steinmanndl. Zum Monte Formin – in manchen Karten auch als Ponta Lastoi de Formin eingetragen – müssen wir hier rechts abbiegen. Markierungen oder Schilder gibt es nicht, aber es müsste schon arg dichter Nebel herrschen, um die Steinmanndl-Kette nicht zu erkennen, die das Plateau fast lückenlos durchzieht.

Die grobe Richtung ist klar – immer auf den Schwammerlkopf zu – ansonsten kann sich jeder die persönliche Lieblingsspur selbst aussuchen. Erst direkt am Gipfelaufbau wird es etwas steiler und felsiger, ein paar Passagen sind auch schon vereist. Aber man muss sich ja nur die beste Steigspur-Variante aussuchen und gelangt so zügig zum höchsten Punkt der Gipfelabdachung, den ebenfalls nur ein Steinmanndl ziert. Überraschung! Die Hochfläche, über die wir gerade völlig unschwierig gewandert sind, stellt sich als einziger begehbarer Zubringer zum Gipfel heraus, nach drei Seiten bricht der Monte Formin mit senkrechten Wänden ab!

Wir sitzen also direkt auf der Abbruchkante! Und was für ein irres Panorama tut sich rund um uns auf! Der Monte Formin mag zwar keinen berühmten Namen tragen, aber seine Lage spricht absolut für sich: Nahezu mittig sitzt er zwischen so imposanten Felsgestalten wie Cristallo, Punta Sorapiss, Antelao, Monte Pelmo, Civetta und den Tofane. Sogar bis zum schneebedeckten Hauptkamm kann man schauen! Am liebsten würden wir bis zum Sonnenuntergang hierbleiben, aber gut die Hälfte unserer Rundwanderung liegt ja noch vor uns.

Krönende Rundwanderung

Also wieder zurück zur Forcella de Formin und rechts mit Höhenverlust in die ebenfalls unbeschilderte Forcella Rossa hinunter, wo man zwischen Lang- und Kurzvariante der Tour wählen kann. Die Langversion würde rechts um einen Bergrücken herum in die Forcella Ambrizzola und von dort auf den breiten Panoramaweg 434 führen. Wir haben die Gipfelpause etwas arg lang ausgedehnt und nehmen daher die Kurzversion. Dazu rutschen wir auf unmarkierten, aber sehr deutlichen Steigspuren über einen steilen Grashang und ein ebensolches Geröllfeld zum quer laufenden Panoramaweg hinunter und folgen ihm recht gemütlich zum Rif. Croda da Lago, das in absoluter Traumlage am Ufer des Lago Federa sitzt und sogar noch geöffnet hat.

Beim Abstieg spaziert man zunächst eine ganze Weile durch den Wald, ohne auch nur im Geringsten Höhe zu verlieren. Nach einer Lichtung aber verfällt die Weganlage plötzlich ins andere Extrem: Wie viele Höhenmeter passen in ein Minimum an Strecke, scheinen sich die Wegbauer gefragt zu haben. Am Aussichtspunkt Val Negra kann man nicht nur einen fantastischen Blick auf den Kessel von Cortina d’Ampezzo und die umgebenden Dolomitengipfel werfen, sondern auch noch kurz die qualmenden Menisken ausrasten, bevor es unverändert steil hinunter geht zur bekannten Kreuzung Cason di Formin, wo sich der Kreis schließt.

Unser Fazit: Eine ungewöhnlich abwechslungsreiche Wanderung mit einer Fülle verschiedenster Zutaten und absoluten Bestnoten!


Rund um Cortina d’Ampezzo: Unsere Buchtipps

Sonnendurchflutet, mit traumhaften Lärchenwäldern und eingebettet zwischen wuchtigen Felsen – so liegt das Ampezzo-Tal in den Dolomiten. Berühmt ist sein Olympia- und Bergsportort Cortina d’Ampezzo. Für Bergsteiger, Wanderer und Urlauber ist die Region ein Traumziel. Der Rother Wanderführer »Dolomiten 6« stellt 55 ausgewählte Wanderungen rund um Cortina d‘Ampezzo vor.

Unbekannte Dolomiten – es gibt sie tatsächlich! Im Südosten der Gebirgsgruppe, zwischen Cortina und Belluno, den Friulaner Dolomiten und den Venetianischen Voralpen, dürfen sich Wanderer auf Stille, unberührte Natur und großartige Landschaftseindrücke freuen. Der Rother Wanderführer »Dolomiten 7« stellt 56 abwechslungsreiche Tages- und Mehrtageswanderungen in diesem wenig besuchten Gebiet vor.


Mehr von Autorin Margit Hiller

Margit ist seit vielen Jahren mit Wanderstiefeln, Rad oder Schneeschuhen (und mit Kamera!) in den Alpen und im Voralpenland unterwegs. Die Liebe zu den Bergen, den Pflanzen und Tieren hat sie von klein auf vom Opa »eingeimpft« bekommen. Besonders fasziniert ist sie immer wieder von den zarten Alpenblumen mit ihren ausgeklügelten Überlebensstrategien und von den heimischen Orchideen.

Ihre große Begeisterung für Berge und Blumen gibt Margit Hiller auf ihrer Website und als zertifizierte Kräuterpädagogin bei Führungen durch die botanischen Schatzkästchen des Voralpenlands weiter. Im Mai erscheint dann auch ihr erstes Buch bei Rother, »Blumenwanderungen Bayerische Alpen«. Sie arbeitet außerdem als freie Lektorin für den Rother Bergverlag.


Autor

Unsere Autoren schreiben nicht nur Bücher, sondern auch spannende Beiträge für den Rother Wanderglück-Blog. Vielen Dank an die besten Autoren, die es gibt! Vielen Dank, dass ihr so fleißig seid und uns hier auf unserem Wanderglück-Blog tatkräftig unterstützt!

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