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Vom Camino für Corona lernen – mit Pilgerspirit durch die Pandemie von Cordula Rabe

»Wanderer, es gibt keinen Weg, der Weg entsteht im Gehen.« Dieser Satz aus einem Gedicht des spanischen Poeten Antonio Machado (1875–1939) ist oft auf dem Jakobsweg zu hören. Und er stimmt: Der gelbe Pfeil weist uns zwar über viele hundert Kilometer die Richtung. Doch unseren eigenen, persönlichen Weg müssen wir selbst finden.

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Mit der Kraft des Pilgerns durch die Pandemie

Das trifft auch auf die Corona-Pandemie zu. Niemand hatte dafür eine vorgefertigte Route. Weltweit müssen wir einen Weg durch diese Pandemie suchen. Von den Experten bis hin zu jeder und jedem einzelnen von uns. Corona verlangt von uns allen viel ab. Und das Licht am Ende des Tunnels flackert nur schwach und ist oft trügerisch.

Im Oktober/November 2019 pilgerte ich das letzte Mal auf dem Jakobsweg. Fast 1000 Kilometer vom Somport-Pass bis nach Finisterre. Wie immer intensive, wunderbare, bewegte Wochen. Wenig später brachte Corona die Welt zum Stillstand.  

Die schlimmste Phase war für mich das Frühjahr 2020: In meiner Wahlheimat Spanien herrschte sechs Wochen komplettes Ausgangsverbot, danach war weitere sechs Wochen nur stundenweiser »Freigang« erlaubt. Das genaue Gegenteil von dem, was ich nur wenige Monate zuvor auf dem Jakobsweg erlebt hatte:

  • Bewegungsfreiheit
  • Grenzenloses Wandern
  • Sorgloses In-den-Tag-Leben
  • Begegnungen mit Menschen aus aller Welt
  • Die enge, aber friedliche Gemeinschaft in den Herbergen

Während mein Bewegungsradius nur wenige hundert Meter zwischen Wohnung und Supermarkt betrug, kehrte ich in Gedanken immer wieder auf den Jakobsweg zurück, schöpfte Kraft aus der Erinnerung an die weiten Horizonte, das endlose Band des Weges vor mir.

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Die Pilgerfahrt – ein Lebensweg

Pilgern ist mehr, als »nur« von A nach B zu wandern. Pilgern ist ein Lebensweg mit allen Höhen und Tiefen, mit Licht und Schatten, mit Freud und Leid. Wir wissen am Beginn der Reise nie, wohin sie uns führt. Pilgern ist auch kein Wunschkonzert.

»Nicht du machst den Weg, der Weg macht dich«, heißt es auf dem Jakobsweg.

Wir können uns nicht vornehmen, unterwegs bestimmte Dinge zu lernen oder über uns selbst zu erfahren. Fest steht lediglich: Pilgern hinterlässt Spuren. Manche erkennen wir sofort, andere oft erst sehr viel später.

In den zurückliegenden, von Corona geprägten Monaten wisperte mir immer wieder eine Stimme zu: »Weitergehen. Nicht stehenbleiben.« Einem Mantra gleich hat mich diese Aufforderung schon auf vielen Pilgerwegen über Durststrecken getragen, mir in Momenten des Zweifelns und Haderns geholfen und mich manches Mal vor dem Aufgeben bewahrt. An den Tagen physischer und geistiger Erschöpfung. Wenn der Körper schmerzte und ich glaubte, nichts gehe mehr. Auf Etappen mit Regen und Kälte, ohne Geborgenheit und Schutz. Wenn ich kurz davor war, Rucksack und Wanderstiefel in eine Ecke zu pfeffern und den heiligen Jakobus einen guten Mann sein zu lassen.

Nur wer weitergeht, kommt irgendwann auch an

Von den vielen Dingen, die mich der Jakobsweg gelehrt hat, ist dieses das Eindringlichste, das Prägendste. Weitergehen, wie schwer es auch fallen mag, nicht aufgeben, optimistisch bleiben, darauf vertrauen, dass auch die schwierigste Etappe irgendwann zu Ende ist.

Ausnahmslos immer wurde mein Durchhalten belohnt: mit dem unbeschreiblichen Glück des Ankommens, allen Widerständen zum Trotz.

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Der Pilgerweg als Lösungsweg

Seit Ausbruch der Pandemie ist viel von Resilienz die Rede. Von der Fähigkeit bzw. Bereitschaft, schwierige Situationen auszuhalten. Sich durchzubeißen. Das Beste aus einem Problem zu machen und Lösungswege zu suchen.

Auch ein Pilgerweg stellt uns ständig vor neue Herausforderungen. Es läuft nicht immer rund und schon gar nicht, wie geplant. Wir müssen ständig auf Unerwartetes, manchmal auch Unerfreuliches reagieren. Situationen, für die es keine vorgegebene Route gibt. Durch die wir selbst eine Strategie finden müssen. Indem wir weitergehen. Nicht stehen bleiben. Optimistisch bleiben.

»Niemand kann uns unseren Weg abnehmen. Selbst wenn wir beschließen abzubrechen oder Etappen per Bus oder Bahn überspringen, so müssen wir diese Entscheidung für uns selbst treffen und allein tragen..

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Jakobspilger – gemeinsam stark

Wie beim Pilgern denke ich während der Pandemie oft: Ich bin nicht allein. Auch wenn ich allein bin, keine andere Menschenseele im weiten Umkreis sehe, weiß ich, die anderen sind da. Wir pilgern über denselben steinigen Pilgerweg, müssen alle durch denselben Wolkenbruch, über denselben steilen Pass. Spätestens beim gemeinsamen Abendessen an einem Tisch in der Herberge wissen wir: Jede und jeder musste für sich kämpfen, und doch haben wir es alle zusammen geschafft.

Diese Gedanken haben mir in den zurückliegenden Monaten viel Trost und Kraft gespendet.

Corona ist für uns alle eine Zumutung. Aber wir können nicht stehen bleiben und lamentieren. Wir müssen weitergehen, immer wieder Wege suchen. Zu wissen, dass wir trotz allem nicht allein sind, das Schicksal mit vielen anderen teilen, hilft dabei. Wie beim Pilgern sind wir eine Gemeinschaft von Individuen, in der jede und jeder für sich und wir alle gemeinsam viel lernen und Großes vollbringen können.

»Wanderer, deine Spuren sind der Weg, sonst nichts«, heißt es zu Beginn von Machados Gedicht. Hinterlassen wir also Spuren, auf die wir irgendwann sicher erschöpft, aber auch mit Stolz zurückblicken: Weil wir nicht stehengeblieben sind, immer weitergegangen sind.

So werden wir irgendwann auch diese Pandemie hinter uns bringen. Jede und jeder für sich. Aber wir alle gemeinsam.

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Antonio Machados Gedicht im Wortlaut, Übersetzung Cordula Rabe

Caminante, son tus huellas
el camino, y nada más;
caminante, no hay camino,
se hace camino al andar.
Al andar se hace camino,
y al volver la vista atrás
se ve la senda que nunca
se ha de volver a pisar.
Caminante, no hay camino,
sino estelas en la mar.

Wanderer, deine Spuren
sind der Weg, sonst nichts;
Wanderer, es gibt keinen Weg,
ein Weg entsteht im Gehen.
Im Gehen entsteht der Weg,
und blickst du zurück,
siehst du den Pfad, den du
nie mehr betreten sollst.
Wanderer, es gibt keinen Weg,
nur eine Kielspur im Meer.

Antonio Machado, Campo de Castilla (1907–17), 1917 (»Proverbios y Cantares«, XXIX)

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Diesen Artikel hat unsere Autorin und Pilger-Spezialistin Cordula Rabe verfasst:

Cordula Rabe lebt und arbeitet seit 1998 in Alicante in Spanien. Hier machte sie ihre Leidenschaft für das Wandern zum Beruf. Neben Wanderführern zu verschiedenen Regionen in Spanien ist der Jakobsweg Schwerpunkt ihrer Arbeit. Im Lauf der Jahre ist sie in Spanien viele tausend Kilometer auf allen großen Jakobswegen nach Santiago de Compostela gewandert und hat dazu Wanderbücher verfasst: zum Klassiker, dem »Spanischen Jakobsweg von den Pyrenäen nach Santiago de Compostela«, zum »Camino del Norte. Küstenweg von Irun bis Santiago de Compostela« oder dem portugiesischen Jakobsweg »Caminho Português – Von Porto nach Santiago de Compostela«.

Cordulas Credo ist: Es gibt kein richtiges oder falsches Pilgern, sondern nur eines mit viel Leidenschaft und Freude an der Sache.

»Mein eigenes Dorf« ©Foto: Cordula Rabe
»Mein eigenes Dorf« ©Foto: Cordula Rabe

Zu diesem Foto sagt Cordula, die mit Nachnamen Rabe heißt: »Das kleine Dorf ›Rabé de las Calzadas‹ liegt auf der Meseta am Camino Francés, kurz hinter Burgos. ›Calzada‹ geht auf die Römerstraßen zurück, die später auch von den Pilgern genutzt wurden. So wurden Begriffe wie »Calzada« oder »Camino« (dt. Weg) teilweise zum Synonym für Pilger- bzw. Jakobsweg. So könnte man also ›Rabé de las Calzadas‹ frei mit ›Rabe am Jakobsweg‹ übersetzen. Für mich ist es immer wieder ein besonderer Moment, das Ortsschild zu passieren.«

Mehr über die Jakobswege in Spanien findet ihr auf Cordulas Blog: cordularabejakobsweg.wordpress.com/

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Lesetipps:

Im Oktober erscheint das »Handbuch Pilgern: planen – packen – pilgern« von Cordula Rabe. Es behandelt alle wichtigen Aspekte, die es für eine gelungene Pilgerfahrt zu beachten gilt: Von der Auswahl des passenden Pilgerwegs über die richtige Vorbereitung der Reise (Gepäck, Pilgerausweis, Planung der Etappen usw.) bis hin zu den Freuden und Leiden der Pilgerinnen und Pilger unterwegs.
Mehr zum Buch.

Hier findet Ihr eine Übersicht über alle unsere Pilgerführer.