Ein Gastbeitrag von Berg + Tal
Früh aufstehen, frieren, schwitzen und immer wieder staunen. Der Skihochtourenkurs in der Silvretta ist kein gewöhnlicher Skitourenkurs. Vier Tage lang bewegen wir uns im hochalpinen Gelände, lernen, üben, hinterfragen und anwenden. Aufstiege über Gletscher, Fussanstiege mit Steigeisen, Abfahrten im Seil. Dazwischen Kartenarbeit, Lawinenkunde und viel Austausch in der Gruppe. Eine intensive Zeit zwischen Ausbildung, Abenteuer und Kaiserschmarrn.

Von Luzern nach Guarda: Anreise und Kursstart
Einen Wecker brauche ich an diesem Morgen nicht. Punkt fünf Uhr reisst mich der Start der Luzerner Fasnacht aus dem Schlaf. Draussen lärmt es bereits. Für mich liegt jedoch kein Kostüm bereit, sondern Skitourenbekleidung. Im Rucksack stecken Steigeisen, Gurt und Pickel. Konfetti und Luftschlangen bleiben draussen.
Kurz nach sechs tauche ich am Bahnhof Luzern für einen Moment ins bunte Fasnachts-Gewusel ein. Hühner, Gärtner, Feuerwehrleute, Guggenmusik. Ein Kaffee, ein Brötchen, dann geht die Reise los von der farbigen Fasnacht in die weisse Schneelandschaft.
Mein Blick schweift aus dem Zugfenster und meine Gedanken zu den nächsten Tagen: Wie wohl meine Tourengspändlis sein werden? Wird die Bise die Tourentage stark mitprägen? Wie wird es auf den Gletschern sein? Der Lautsprecher meldet den nächsten Halt und reisst mich aus meinen Gedanken. Draussen ist sofort klar, wer alles zur Gruppe gehört: die einzigen sechs Personen auf dem Perron von Guarda.
Erste Gespräche und Planung
Im Schellenursli-Dorf sitzen wir bei Kaffee zusammen. Wir stellen uns vor und sprechen über unsere Erwartungen. Zwei Teilnehmende wollen sich auf die Haute Route vorbereiten. Dario möchte endlich einmal erleben, wie sich ein Spaltensturz anfühlt. Jana will lernen, wie man Skitouren mit Gletscherbegehungen plant. Ich möchte mein Wissen auffrischen und vertiefen.
Unser Bergführer Jonas breitet die Karte aus. Noch vor dem ersten Schritt beginnt die Ausbildung. Wir berechnen Gehzeiten, sprechen über Distanzen und Höhenmeter. Theorie wird direkt mit der Praxis verknüpft. Dann schultern wir die Rucksäcke und brechen auf.

Aufstieg zur Chamonna Tuoi und erste Ausbildungsinhalte
Die ersten Höhenmeter tragen wir die Ski noch auf den Schultern. Schon bald erreichen wir einen Winterwanderweg mit ausreichender Schneedecke. Es folgt der obligate LVS-Check und bereits lerne ich etwas Neues, nämlich den LVS-Doppelcheck: Jedes Gerät checken wir auf einwandfreies „Senden“ und „Empfangen“. Kleine Abläufe, die im Ernstfall entscheidend sind.
Die Sonne scheint, erste Schweissperlen zeigen sich. Gespräche entstehen fast von selbst. Die Zeit vergeht schnell. Nach gut eineinhalb Stunden legen wir eine Pause ein. Mit neuer Kraft nehmen wir den zweiten Teil des Hüttenaufstiegs in Angriff. Vertieft in Gespräche bemerken wir gar nicht, wie sich ein Wolkenband gebildet hat. Es schiebt sich vor die Sonne und gleichzeitig wird es windig. Brrr… Zum Glück sind es nur noch wenige Minuten bis zur Chamonna Tuoi.
Nach einer wärmenden Suppe geht es nochmals hinaus. Ausgerüstet mit LVS, Sonde und Schaufel frischen wir unser Wissen zur Lawinenrettung auf. Alarmieren, Suche in Sektoren, Sondieren, Schaufeln. Die Abläufe sitzen nicht bei allen gleich sicher. Genau deshalb sind wir hier.


Reflexion und Tourenplanung
Am Abend sitzen wir in der warmen Stube der Hütte. Wir blicken auf den ersten Ausbildungstag zurück, besprechen die Übung und notieren Learnings. Mit Lawinenbulletin, Wetterprognose und Karte planen wir den nächsten Tag. Ziel ist die Hintere Jamspitze. Wir diskutieren Routenvarianten, berechnen Zeiten und legen den Startzeit fest.
Hintere Jamspitze: Gletscher, Spurarbeit und Steigeisen
Am Morgen ist der Wind noch immer präsent. Erste Blicke aus der Hüttentür zeigen, wie kalt es sich anfühlt. Trotzdem gehen wir los. Bereits bei den ersten Metern wird klar, dass wir zwar die Tour geplant haben, nicht aber den genauen Routenstart. Karte raus, Himmelsrichtungen bestimmen, gemeinsam entscheiden.
Samuel übernimmt das Spuren. Sein Tempo ist zügig, die Spur steil. Nicht alle kommen gleich gut mit. Beim nächsten Wechsel zeigt sich, wie schwierig es ist, gleichmässig und kontrolliert zu spuren. Beim Znüni sprechen wir offen darüber. Feedback gehört hier genauso zur Ausbildung wie Technik.
Nach zwei Steilstufen erreichen wir den Gipfelhang. Wir wechseln von Ski zu Steigeisen. Zum Glück haben wir diese bereits am Vorabend angepasst, so sparen wir Zeit im schattigen Skidepot. Der Fussaufstieg fällt leichter als erwartet und schon sind wir oben. Was für eine Aussicht auf die umliegenden Dreitausender und weiter südlich bis zur Berninagruppe und ins Ortlergebiet. Es folgen Gipfelfotos und Sandwiches.

Abfahrt und Ausbildung in der Jamtalhütte
Die Abfahrt verlangt unsere volle Aufmerksamkeit. Durch ständige Beobachtung und laufende Planung passen wir die Route an, sodass wir sicher durch die Spaltenzone kommen. In der Jamtalhütte angekommen, setzen wir uns an einen sonnigen Tisch. Kaiserschmarrn und Johannisbeersaftschorle schmecken hervorragend.
Der Nachmittag steht im Zeichen der Spaltenbergung und der Knotenkunde. Schritt für Schritt bauen wir Sicherungen, üben Handgriffe und besprechen mögliche Fehler. Am Abend reflektieren wir erneut und planen den nächsten Tourentag mit dem Endziel Wiesbadener Hütte. Den Weg dorthin erarbeiten wir selbst. Wir entschieden uns für den Wintergipfel der Dreiländerspitze und die Tiroler Scharte. Wir berücksichtigen Umrüstzeiten, etwas, das wir bisher zeitlich massiv unterschätzt hatten..

Seiltechnik im Skitourengelände
Der Wind begleitet uns auch an diesem Morgen. Im flachen Gelände kommen wir zügig vom Schatten in die Sonne. Auf dem Gletscher montieren wir Gurt und Seil. Der Tag ist vollgepackt mit Ausbildungsinhalten: Gehen am Seil in der Sechsergruppe, Seilverkürzung, Spitzkehren in der Seilschaft, Fussaufstiege mit Steigeisen.
Höhepunkt ist das Abfahren am Seil. Die ersten Kurven fühlen sich ungewohnt an. Bald verheddert sich das Seil um Darios Skis. Kaum sind wir ein paar Meter gefahren, schon hängt das Seil bei Samuel im Stopper. Wir konzentrieren uns von neuem und versuchen, gleichmässig abzuschwingen. Doch immer wieder zieht es von vorne oder von hinten. Von aussen wirkt es wohl chaotisch. Irgendwie schaffen wir es, im Gleichgewicht zu bleiben. Nach rund hundert Höhenmetern erlöst uns Bergführer Jonas. Bei diesem Schnee sei es fast etwas schade, weiter am Seil zu fahren. Im Powder schwingen wir zur Wiesbadener Hütte ab. Der Tourentag war lang. Der Hunger gross. Anstatt Apéro gibt es erneut Kaiserschmarrn. Gefolgt von Suppe, Hauptgang und nochmals Dessert. Wie immer planen wir sorgfältig den letzten Tourentag. Wir reflektieren die bisherigen Ausbildungstage und vergleichen anfängliche Erwartungen mit dem Gelernten. Da war doch noch was! Der Wunsch von Dario mit der Gletscherspalte.
Spaltenbergung und lange Abfahrt durchs Verstanclatal
Der letzte Tag beginnt sonnig, kalt und windig. Über den Gletscher erreichen wir die Fuorcla dal Cunfin. Unterwegs finden wir einen geeigneten Platz für die Spaltenbergung. Jonas baut mit einem Ski einen Standplatz. Sicherheit geht vor.
Voller Vorfreude bindet sich Dario ins Seil. Als Jana bereit ist, fährt er in der Falllinie los. Mit den Ski stemmt sich Jana mit aller Kraft dagegen und hält den Sturz souverän. Sie baut – wie gelernt – mit einer Reepschnur und dem Bergski einen provisorischen Entlastungsanker. So bringt sie das Gewicht von Dario vom Körper auf den Ski und baut die definitive Verankerung für den Flaschenzug. Sie beginnt, Dario aus der «Spalte» zu bergen. Dieser strahlt wie ein Maikäfer. Er ist aber auch erstaunt, wie schnell man auskühlt, wenn man regungslos im Schnee auf die Bergung wartet.
Zufrieden räumen wir alles auf und gleiten durchs Verstanclatal talwärts. Zurück in der Schweiz stärken wir uns im Bergrestaurant und nehmen das Taxi nach Klosters Platz. Etwas wehmütig, dass die Skihochtourenausbildung schon vorbei ist, blicke ich zurück in die Berge. Die Tage mit meiner Skitourengruppe im Silvrettagebiet waren ausserordentlich lehrreich, eindrücklich und erfüllend. Immerhin bleibt uns noch etwas gemeinsame Zeit im Zug Richtung Landquart und Zürich – so können wir bei Chips und Bier langsam Abschied nehmen. Kaum umgestiegen wird mir bewusst, dass ich nur noch eine halbe Stunde Zeit habe, mich auf den Kulturschock in Luzern einzustellen. Im Gegensatz zum Skihochtourenkurs ist die Fasnacht noch längst nicht vorbei!


Fazit: Intensiv, lehrreich, prägend – der Skihochtourenkurs in der Silvretta
Vier Tage in der Silvretta: ein Kurs, der Erfahrung, Wissen und Abenteuer vereint. Von Lawinenkunde über Seiltechnik bis zur Spaltenbergung: Die Ausbildung war fordernd und praxisnah. Dazu Gipfelmomente, Powderabfahrten und Teamgeist, der uns durch Wind und Kälte trug. Ein Kurs, der nicht nur Technik vermittelt, sondern Bergfreundschaften entstehen lässt und somit Lust auf mehr macht.

Berg+Tal-Angebote in der Silvretta
Grundkurs Skihochtouren Silvretta
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