Nach der der herbstlich anmutenden Besteigung des Monviso zog es uns – ganz ungeplant – auf die Grande Ruine (3.765 m) in die Dauphiné, im Nationalpark Écrins. Denn da wir nun schon einmal so weit bis in die Südalpen gefahren waren, bot es sich an, nur kurz über den beeindruckenden Col Agnel (mit 2.746 m der dritthöchste Straßenpass der Alpen!) nach Frankreich zu fahren.

Warum gerade auf die Grande Ruine?

Da mein Freund die berühmteren Berge in der Dauphiné bereits kennt, fiel die Wahl auf die uns unbekannte Grande Ruine – eine leichte Hochtour im Pelvoux-Massiv, mitten zwischen den Berühmtheiten Meije und Barre des Écrins. Wieder erwartete uns eine komplett andere Landschaft als bisher. Eine eher einfache Hochtour (F+, I, 600 Höhenmeter ab Hütte), ein langer Hüttenaufstieg, eine hoch gelegene einfache Hütte – und ein Gipfel mit einem absolut grandiosen Panorama!

Wanderung zur Hütte – lang und schweißtreibend

Der Aufstieg zum Refuge Adèle Planchard (3.169 m) ist weit und anstrengend. Der Vorteil: Der Gipfelanstieg am Folgetag ist entsprechend angenehm kurz ;-). Das Refuge ist die höchste Berghütte in den Alpen, die über einen Wanderweg erreicht werden kann. Der äußerst lange Zustieg führt dafür aber durch wunderschöne Landschaft. Nach einer ersten Steilstufe mit tosendem Wasserfall kommt man in ein liebliches Hochtal mit rauschendem Bach, breiten Kiesbänken, Wiesen und einigen Laubbäumen.

Man wandert immer den Bach entlang, kommt an einem glasklaren See vorbei, während ringsum die Murmeltiere pfeifen. Nach vielen Kilometern geht es dann „endlich“ aufwärts – dafür umso steiler. Es wird immer felsiger und unwirtlicher, bis man nach etwa 1.500 Höhenmetern und ca. 4:45 h das Refuge Adèle Planchard erreicht.

Refuge Adèle Planchard – Herzlichkeit auf über 3.000 m

Nachdem ich immer langsamer die letzten Schneefelder hochgekrochen bin erreichen wir die Hütte auf einer Art Joch – und sind nicht nur von der Erschöpfung überwältigt. Die Aussicht ist atemberaubend! Vor uns abfallend die Gletscher und gegenüber leuchtet strahlend weiß die Barrre des Écrins aus den Wolkenfetzen heraus. Einfach sagenhaft!

Während die Welt aus Fels und Eis außenrum eher unwirtlich wirkt, ist die Atmosphäre auf der Hütte herzlich und warm. Gerade die Einfachheit macht ihren Charme aus. Es gibt kein Wasser, aber in einer Tonne aufgefangenes Wasser draußen. Und so ist die Atmosphäre entsprechend ungezwungen: Man versammelt sich um die Tonne zum Waschen und später zum Zähneputzen. Alles ist entspannt und locker. Die einen erholen sich in Liegestühlen vor der Hütte, wir sitzen auf den Felsen um die Hütte und genießen die Sonne und das Bier bis zum Abendessen.

Grande Ruine – kurze Hochtour auf 3.765 m

Da die Hütte schon so hoch liegt, haben wir nur eine kurze und nicht allzu schwere Gipfeltour vor uns. Da die Grande Ruine eine beliebte Anfänger-Hochtour oder auch Akklimatisierungstour ist, ziehen wir mit einer ganzen Gruppe weitere Gipfelaspiranten inkl. Bergführer los. Wir wollten erst in der Dämmerung aufbrechen, aber nachdem wir doch früh aufgewacht sind, starten wie die anderen gegen 5:00 noch im Dunkeln mit Stirnlampe. Beim Abendessen hatten wir noch Bekanntschaft mit unserem Sitznachbarn gemacht, einem sehr sympathischen einzelnen Franzosen, den wir spontan und gern in unsere Seilschaft aufnehmen. So gehen wir zu dritt los.

Nach einer längeren Firn-Querung erreichen wir den Gletscher, der recht schnell steiler wird. Es herrschen prima Verhältnisse, super Trittschnee. Wieder ist es erstaunlich warm in der Höhe, wir müssen uns schon bald von Fleece und Mütze entledigen. Da wir in der engen Hütte nicht mit der Gruppe frühstücken wollten, waren wir ohne Frühstück losgezogen und nun quälte mich schon bald mein üblicher Morgen-Hunger. Nach einer ersten Steilstufe kam zum Glück die Gelegenheit zu einer ausgiebigen Müsliriegelmahlzeit ;-).

Das letzte Stück des Gletschers wird immer steiler und mühsamer, da der Schnee doch schon etwas weich ist. In einem Bogen queren wir schließlich in die Felsen, überklettern einen kleinen Riegel, um wieder in einer steilen kurzen Schneerinne weiterzusteigen. Zum Glück sind wir inzwischen die ersten, so dass uns niemand Steine auf den Kopf werden kann.

Gipfelglück – ein 360°-Panorama bis zum Mont Blanc!

In kurzweiliger, unschwieriger Kletterei, mal mit Schnee durchmischt, geht es rasch auf den Gipfel. Und das ist eine wahre Schau! Vor der Nase die Berühmtheiten Meije (3.983 m) auf der einen und Barre des Écrins (4.102 m), dem südlichsten und westlichsten Viertausender der Alpen, auf der anderen Seite. Dazu ein Weitblick wohin das Auge reicht.

Persönliches Fazit & Empfehlung

Die Hochtour auf die Grande Ruine ist fantastisch, um Höhen-süchtig zu werden. Die grandiose Aussicht von so weit oben und auf weitere Gletscher-Riesen ist berauschend. Und das, obwohl man sie auf dieser Tour wirklich recht einfach erreichen kann. Dazu eine einfache, sympathische Hütte auf über 3.000 m, wo man richtig runterkommen kann.

Zwar ist die Dauphiné eine für Deutsche etwas exotische Region, aber bei eingefleischten Hochtourengehern bekannt und für Neulinge gerade deswegen interessant. Tendenziell schien es mir nicht überlaufen und die so andere Landschaft im Nationalpark Écrins war beeindruckend und wunderschön.

Wir bummelten anschließend noch gemütlich im Touristenort La Grave, einem berühmten Freeride-Paradies. Der Ort ist nicht vergleichbar mit großen Skiorten in den französischen Alpen, sondern ein gemütliches Straßendorf geblieben. Bei Café und Blick direkt auf die imposante Meije lassen wir die Tour ausklingen.

Noch ein Tipp: kurz vor dem Ausgangspunkt der Tour, am Sträßchen zu dem großen Wanderparkplatz, gibt es einen ruhigen Camping mitten in der Wise unter Bäumen und auf der anderen Bachseite einen großen Klettergarten mit Routen in fast allen Schwierigkeitsgraden.

Noch mehr abwechslungsreiche Hochtouren

Weiter ging’s! Nachdem uns das Wetter vom Vrenelisgärtli in der Schweiz erst zum Monviso in die Südalpen und nun in die Dauphiné verschlagen hatte, ging es schließlich doch noch am Ende unserem ursprünglich geplanten Viertaussender: der Dent d’Hérens im Aostatal/Wallis. Nach den zwei Urlaubswochen fühlen wir uns bereichert wie nie, denn wir haben – ungeplant – ganz unterschiedliche Bergregionen kennengelernt.
Neugierig? Hier kannst du mehr lesen:

Tourentipps und genaue Wegbeschreibungen zu allen bekannten Hochtouren ebenso wie stilleren Routen findest du in den Rother Selection Bänden Hochtouren Ostalpen, Westalpen Band 1 und Westalpen Band 2. Von leicht bis schwer kann man sich hier in seiner eigenen Bergsteigerkarriere „hocharbeiten“, die Auswahl ist reichlich. Und wie ich finde: Die Qual lohnt sich immer wieder. 😉

Ich wünsche euch allen ebenso tolle, erfüllende Erlebnisse am Berg!
Eure Gesine, aus dem Rother Marketing

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