Rothi interviewt

Rothi interviewt

Die Familie Soeffker unterwegs an der grünen Grenze zwischen Deutschland und Österreich

Eduard Soeffker, geb. 1969, ist Jurist und freiberuflicher Wanderbuchautor und lebt mit seiner Familie im Süden von München im Pfaffenwinkel. Überwiegend gemeinsam mit seiner Frau Sigrid (46), gelernte Handelsfachwirtin, hat er in einem Zeitraum von 10 Jahren sechs Erlebniswanderbücher und ein Kinderwagenbuch im Rother Bergverlag veröffentlicht. Die Bücher umfassen jeweils 30-40 Touren, ein angehängter Serviceteil gibt zusätzlich viele Freizeittipps.

Im Jahr 2011 und 2013 wurden die Soeffkers für ihre Erlebniswanderbücher mit dem ITB BuchAward in der Kategorie »Reisen mit Kindern« ausgezeichnet.



Grund genug, Herrn Soeffker und seine Frau einmal zu fragen, wie es zu der Idee kam, Wanderbücher für Kinder zu schreiben und wie sie dabei vorgehen. Wir haben unser Murmeltier Rothi losgeschickt, um die beiden zu interviewen:

Wie seid Ihr überhaupt auf die Idee gekommen, Wanderbücher für Familien mit Kindern zu schreiben und wie seid Ihr zum Rother Bergverlag gekommen?

Eduard Soeffker: „Jeder Mensch hat etwas, das ihn antreibt“, hörten wir jahrelang in den Werbeeinspielungen einer großen deutschen Bankengruppe. Das trifft auch auf mich zu. Allerdings wäre ich bis zum Jahr 2007 nie auf die Idee gekommen, ein Wanderbuch zu verfassen.

Nein, ich war ab den 1990er-Jahren einer ganz anderen Leidenschaft erlegen: dem Barfußwandern. Ich fand es spannend, immer besser auf blanken Sohlen unterwegs zu sein, den Untergrund zu spüren, ein neues Sinnesorgan geschenkt zu bekommen. Auf einmal konnte ich fühlen, wie weich das Moos, wie rau die Rinde eines umgestürzten Baumes, wie kühl und feucht das Gras auf den schattigen Wegstücken und wie warm und angenehm die in der Sonne liegenden Stellen waren. Ich freute mich darüber, dass im neuen Jahrtausend die Barfußparks wie Pilze aus dem Boden schossen und viele Menschen das Barfußgehen ausprobierten. Im Februar 2007 hatte ich dann plötzlich die fixe Idee, ein paar Wanderbuchverlage anzuschreiben und zu fragen, ob sie mit mir ein Barfußwanderbuch für das Alpenvorland mit seinen Bergen machen wollten. Völlig unerwartet fanden zwei der zehn angeschriebenen Verlage das Thema nicht uninteressant und ein Verlag, der Rother Bergverlag, wollte sogar ein Exposé mit einem Inhaltsverzeichnis zugeschickt bekommen. Jetzt war ich Feuer und Flamme. Im Jahr 2007 verbrachte ich jede freie Minute mit der Suche nach und dem Abwandern von Touren und 2008 veröffentlichte ich schließlich unter Mithilfe meiner Frau im Rother Bergverlag mein Barfußbuch. Das Medieninteresse war phänomenal, selbst die Süddeutsche Zeitung veröffentlichte einen ganzseitigen Artikel zum Buch, es folgten mehrere Radio- und Fernsehbeiträge. Trotz der großen Medienpräsenz verkaufte sich das Buch zwar passabel, aber nicht dem Aufwand für Tourensuche und Marketing entsprechend. Da hatte ich die nächste Idee. Da meine Kinder jetzt im wanderfähigen Alter waren und sich viele der Barfußtouren für eine Wanderung mit Kindern eigneten, schlug ich dem Verlag vor, ein Kinderwanderbuch für das gleiche Gebiet zu machen. Damit konnte ich gleich drei Fliegen mit einer Klappe schlagen: 1. meiner neuen Leidenschaft, ein Buch auf den Weg zu bringen, frönen, 2. meine Familie für das Wandern zu begeistern und 3. auch das Thema Barfuß weiter zu verbreiten. So entstand das erste Buch der »Erlebniswandern mit Kindern«- Reihe für die Münchner Berge.

Eure Kinder haben ja einen großen Anteil am Erfolg der Bücher. Sie versprühen auf den vielen Fotos Lebensfreude und Spaß am Wandern. Waren sie von der Idee, Wanderbücher zu machen, begeistert? Und habt Ihr sie von Anfang an mit eingebunden, zum Beispiel bei der Auswahl der Touren?  

Am Duracher Wasserweg. Aus dem Wanderbuch »ErlebnisWandern mit Kindern Allgäu«

Sigrid Soeffker: Unsere Kinder sind quasi mit den Büchern groß geworden. Da war es für sie eigentlich ganz normal, dass die Familientouren in einem Buch veröffentlicht werden. Aber sie fanden es natürlich immer spannend, z. B. auch weil sie bei den Radio- und Fernsehreportagen, die es auch zu den Erlebniswanderbüchern gab, mit dabei sein durften. Begeistert waren sie, weil wir so viele tolle Sachen erlebt haben. Die Kinder haben wir bei der Auswahl der Touren nicht mit eingebunden, wir haben ihnen aber vorher immer gesagt, was sie bei der jeweiligen Tour alles erwartet und so die Vorfreude geschürt. 

Wie sucht Ihr speziell für Familien geeignete Touren aus?

E.S.: Die Auswahl und Planung der Touren nimmt viel Zeit in Anspruch, da wir Wert darauf legen, dass die Wanderungen möglichst über Stock und Stein verlaufen, über eine gute Einkehrmöglichkeit verfügen und ein besonderes Kinderhighlight aufweisen.

Fantastischer Blick auf den Klaussee und die Südseite der Zillertaler Alpen.
Aus dem Wanderbuch »Erlebniswandern mit Kindern Südtirol«

S.S.: Wir holen uns gelegentlich schon Inspirationen aus anderen Wanderbüchern, wir bekommen aber auch viele Tipps von anderen Familien, recherchieren viel im Internet und rühren dann den ganzen Topf einmal um, sodass am Schluss eine Tour rauskommt, die in ihrer Vielseitigkeit meist noch nirgendwo anders beschrieben wurde.

Wie läuft ein Tag unterwegs ab? Geht Ihr erst allein ohne Kinder oder wird die Tour gleich mit der gesamten Familie erwandert und getestet?

Koblatsee Ende Juli.
Aus dem Wanderbuch »Erlebniswandern mit Kindern Oberstdorf – Kleinwalsertal«

E.S.: In aller Regel gehen wir gleich mit der ganzen Familie los. Allerdings nur bei sonnigem Wetter. Fotos bei tristem Grau in Grau machen sich nämlich ganz schlecht im Buch. Unsere Fotoapparate haben wir umhängen, um jede Wegverzweigung und jedes Wanderschild bildlich festzuhalten und natürlich auch, um sofort für einen Schnappschuss bereit zu sein. Notiert wird bei uns nichts. Aus den vielen Fotos und dem vor Ort aufgezeichneten GPS-Track lässt sich die Wegbeschreibung auch noch Monate nach dem Abgehen der Tour perfekt beschreiben. Wir versuchen, die Wanderung in einem Tag komplett zu erfassen, was aber nicht immer klappt, z. B. wenn wir uns entscheiden, die Wanderung wegen zu viel Schnee auf halber Höhe abzubrechen oder ein Gewitter aufzieht. Meist haben wir zu diesem Zeitpunkt schon genügend Fotos für das Buch, sodass ich zu diesen Touren dann alleine noch ein zweites Mal fahre, den restlichen Weg abgehe und noch ein paar Panoramafotos oder Fotos von vorbeikommenden Familien schieße. Selbstverständlich werden alle vorher gefragt, ob sie ins Buch kommen wollen – bisher hat aber noch niemand abgelehnt.

Mit der Wanderung ist es noch nicht getan, denn zu Hause geht die Aufbereitung am Computer weiter. Was muss hier noch alles erledigt werden?

S.S.: Ja, jetzt geht die Arbeit erst richtig los. Die etwa 500 gemachten Fotos pro Tour werden auf den Computer übertragen, die besten 10 bis 20 in eine separate Datei kopiert und mit einem Bildbearbeitungsprogramm voroptimiert. Der ebenfalls auf den Computer kopierte GPS Track wird auf eine digitale Karte gelegt, manuell angepasst, da z. B. im Wald oder unter hohen Felswänden der Originaltrack etwas wackelig daherkommt, mit Wegpunkten versehen und beschriftet. Danach erfolgt ein Ausdruck der digitalen Karte, in die dann für den Kartografen noch Einkehrmöglichkeiten, Parkplätze, Varianten oder weitere Kartendetails wie Spielplätze oder Wickelmöglichkeiten eingetragen werden.

Gischtende Wasserfall in der Bürser Schlucht ein. Aus dem Rother Wanderbuch »Erlebniswandern mit Kindern Dreiländereck Bodensee«

E.S.: Anschließend nehmen wir mit Hilfe des GPS-Tracks und den vielen Fotos eine exakte Tourenbeschreibung vor, bei der auf jede Verzweigung eingegangen wird. Bezeichnungen von Weilern, Bächen oder umliegenden Bergen werden recherchiert und in die Tourenbeschreibung integriert, wobei wir darauf achten, auf Gefahrenstellen, aber auch auf Kinderhighlights, wie Spielmöglichkeiten am Wasser, hohle Kletterbäume oder ähnliches hinzuweisen. Anschließend wird die Einleitung zur Tour, der Hallo-Kinder-Kasten, der Highlight-Kasten (mit Kurzbeschreibung der Attraktionen wie z. B. Kletterwald oder Sommerrodelbahn) und die Informationen für die Kurzinfo mit genauer Anfahrt inkl. Navi-Angabe, Anfahrt mit Bus und Bahn, Öffnungszeiten von Bergbahnen und Hütten usw. geschrieben.

Wie lange dauert es von der Recherche bis zur Abgabe des Manuskripts im Verlag? Wie viele Abende »opfert« Ihr nach Eurer normalen Arbeit als Jurist und Handelsfachwirtin für die Erstellung eines Wanderbuchs?

S.S.: Man darf nicht vergessen, dass selbst nach Fertigstellung aller Touren noch der Einleitungstext mit Besonderheiten der Region und der Freizeitteil mit Attraktionen in der Nähe der Touren, wie Schwimmbäder, Spielplätze, Sommerrodelbahnen o. ä., verfasst werden müssen. Bis zur Abgabe des Manuskriptes vergeht so bei uns etwa ein Jahr, wobei das dafür, dass wir quasi nebenbei in Vollzeit unserem Hauptberuf nachgehen, ziemlich schnell ist. »Geopfert« wird bei uns übrigens kein einziger Abend, denn uns macht die ganze Sache nach wie vor großen Spaß. Man muss allerdings schon sehr diszipliniert sein. Wenn man nur jeden Abend gemeinsam insgesamt eine Stunde investiert, summiert sich das aufs Jahr gesehen bereits auf eine Arbeitszeit von 9 Wochen (bei einer 40 Stunden-Woche).

Was ist das Besondere, wenn man mit Kindern wandert und »nebenbei« auch noch ein Buch entsteht? Könnt Ihr Euch an besonders lustige oder schöne Erlebnisse erinnern? Und ist es manchmal auch stressig – Kinder sind ja nicht immer gut gelaunt und motiviert?

E.S.: Bei unserem ersten Buch waren wir noch nicht so routiniert, da kam bei den Kindern schon mal Unmut auf, wenn Papa oder Mama zum dritten oder vierten Mal » … und Action« riefen – der Startschuss dafür, das gleiche Wegstück wieder und wieder für das perfekte Foto abzulaufen. Mittlerweile läuft das viel besser. Wir versuchen, ganz nah an den Kindern dran zu bleiben, und haben viel schneller im Blick, was und wer sich gerade gut als Fotomotiv eignet, sodass wir viele Bilder direkt aus der Situation heraus schießen können. Unmotiviert waren unsere Kinder fast nie, was daran liegt, dass wir die Kinder auf keinen Fall überfordern, spannende Wege abseits von Schotterpistenhatschern aussuchen, lange Spielpausen machen, uns Zeit für sie nehmen und meistens in die Wanderung für sie noch ein Highlight einbinden oder nach der Tour noch etwas ganz Besonderes ansteuern. Das kann eine Sommerrodelbahn, ein großer Abenteuerspielplatz oder ein Freizeitbad sein. Mit zunehmendem Alter hat sich das natürlich etwas gewandelt. Mittlerweile ist es so, dass – wenn unsere Kleinste keine Lust hat, sich eines der größeren Kinder »erbarmt«, mit dem Papa loszuziehen – nicht ganz uneigennützig, schließlich dürfen dann die »Führerschein-mit- 17-Inhaber« und die Fahranfänger mit dem Van zum Ausgangsort und wieder zurückfahren.

Auf dem Moorpfad durch das Wiesfilz. Aus dem Rother Wanderbuch
»Erlebniswandern mit Kindern Münchner Umland«

Schöne und lustige Erlebnisse hatten wir viele, besonders im Gedächtnis geblieben sind uns allen aber vor allem die eindrucksvollen Erlebnisse in der Bergwelt. Die Kinder erzählen auch heute noch begeistert vom Bad im eiskalten Bergsee in 2000 Meter Höhe oder einem gigantischen Wasserfall, der so gestaubt hat, dass beim Fotografieren die kalte Wassergischt das warme Handydisplay springen ließ. Oder von dem spannenden Klettersteig am Besler, auf dem alle »bis auf den Papa« wie die Gämsen hinaufgekraxelt sind, und natürlich von der heißen Barfußschnellballschlacht Ende April, bei sonnigen 20 Grad Celsius unterhalb der Kappeler Alp mitten in einem Schneefeld. Besonders beeindruckt waren wir auch, als unsere damals fast zweijährige Tochter in ihrer Kleinkindsprache noch Tage später immer wieder »Höhe, Höhe« vor sich hinsagte, weil sie so begeistert von der Sturmannshöhle im Allgäu mit dem unterirdischen Bach war. Wir sind sehr dankbar dafür, dass wir durch die glückliche Fügung, ungeplant zu Wanderbuchautoren geworden zu sein, so viele tolle Naturschönheiten und so wunderschöne »Fleckchen Erde« gesehen haben, die wir ohne den selbstauferlegten Druck, immer noch ein weiteres Buch schreiben zu wollen, sicherlich nicht erlebt hätten.

Liebe Frau Soeffker, lieber Herr Soeffker, vielen Dank für das Interview.

Mittelerweiler ist die Reihe »Erlebniswandern mit Kindern« auf 20 Bücher angewachsen. Daneben führt der Rother Bergverlag auch die Rother Wanderbuchreihen »ErlebnisUrlaub mit Kindern« sowie »Wandern mit dem Kinderwagen«.

In der sechsten und aktuellen Auflage des Buches »ErlebnisWandern mit Kindern – Münchner Berge« stellen Eduard und Sigrid Soeffker erlebnisreiche, von Kindern getestete Wanderungen für die ganze Familie vor. Als Entscheidungshilfen für die Tourenauswahl bietet das Buch Altersempfehlungen, Angaben zum Schwierigkeitsgrad und zur Gehzeit sowie die »Highlights« für Kinder zu jeder Tour. Detaillierte Wegbeschreibungen mit Fotos, Höhenprofilen und Karten machen das Wandern einfach, GPS-Daten stehen zum Download zur Verfügung. Zusätzlich zu den Wanderungen werden in einem angehängten Serviceteil auch 17 lohnende Freizeit- und Schlechtwettertipps vorgestellt – von Erlebnisbädern über Waldseilgärten und Sommerrodelbahnen bis hin zum Schloss Neuschwanstein.


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