Weitwandern #6: Auf dem Jakobsweg

Posted by on Sep 30, 2016 in Uncategorized Tagged: | No Comments

Zu Fuß die Welt entdecken: Mit den Jakobswegen wurden alte Pilgerwege durch ganz Europa wieder neu belebt. Sie bieten Wanderern eine ganz besondere Möglichkeit, sich selbst, der Natur, dem Land, der Kultur und anderen Menschen zu begegnen. Lest hier den anregenden Gastbeitrag von Cordula Rabe, selbst begeisterte Jakobsweg-Wanderin und Autorin zahlreicher Jakobswegführer:

Mit Jakobus auf Entdeckungsreise – ein Gastbeitrag von Cordula Rabe

Via de la Plata_2Ich lebe in einer kleinen Hafenstadt am Mittelmeer. Hier ist viel von der Freiheit und der Unabhängigkeit beim Segeln die Rede, vom Zusammenspiel von Mensch und den Gewalten von Wind und Wasser. Mich persönlich überkommt bei der Vorstellung, mehrere Tage auf einem nur wenige Quadratmeter großen Boot verbringen zu müssen, ein Gefühl des Eingesperrtseins. Eine Reise auf dem Segelboot stelle ich mir so vor: Hafen am Anfang,  Hafen am Ende, dazwischen Wasser. Viel Wasser, morgens, mittags, abends, nachts. Bei Flaute Stillstand. Bei Sturm … das will ich mir gar nicht ausmalen.

Wie viel abwechslungsreicher ist eine Wanderung auf einem der Jakobswege! Das ist für mich Erleben mit allen Sinnen. Auf dem Küstenweg des Nordwegs gibt es auch Etappen von Hafen zu Hafen. Dort sehe ich an einem Tag das Meer, Wälder, Berge, Bergdörfer. Ich rieche Salzwasser, Frühlingsblüten, den erdigen Geruch von frisch gepflügten Äckern, von regennassem Waldboden. Ich kann auf einen Plausch am Wegesrand stehen bleiben, im Schatten eines Baums pausieren, ein kühles Bier in der Dorfbar genießen. Auf einem Segelboot wäre all das nicht möglich.


Gelber Pfeil, Rucksack und Pilgermuschel: Mehr brauch es zum Pilgern auf den Jakobswegen nicht.  


Immer dem Pfeil nach

Eines der faszinierendsten Dinge am Jakobsweg ist für mich sein “Navigationssystem”: der schlichte gelbe Pfeil. In den 80er-Jahren markierte der galicische Pfarrer Elías Valiña damit erstmals den spanischen Teil des Jakobsweg ab der französischen Grenze. Die erstbeste und günstigste Farbe, die er zur Hand hatte, war gelbe Straßenmarkierungsfarbe. Heute sind Tausende von Kilometer der vielen Jakobswege in Spanien mit dem gelben Pfeil versehen, er prangt an Bäumen, Häusern, Laternen, Strommasten, auf Asphalt, auf Felsen. Er ist DAS Markenzeichen des Jakobswegs.

Dabei ist er mehr als nur eine Wegmarkierung. Wie Harry Potters Bahnsteig 9¾ zeigt er den Zugang in eine Parallelwelt. Ihn am Beginn einer Wanderung  zu sehen, ist jedesmal ein Gänsehaut-Moment. Das war so bei meiner ersten Wanderung auf dem Jakobsweg, als ich frühmorgens von Roncesvalles aufbrach und noch überhaupt keine Vorstellung davon hatte, was mich in den nächsten Wochen erwarten würde, und es ist noch immer so, wenn ich selbst nach vielen Wegen und zum wiederholten Mal etwa an der Kathedrale von Sevilla stehe und weiß, dass sagenhafte 1000 km vor mir liegen.

Durch den gelben Pfeil durfte ich die kontrastreichen Facetten der Iberischen Halbinsel kennenlernen. Jahrhunderte alte Kathedralen und die moderne Architektur des Guggenheim-Museums in Bilbao. Weltoffene, vitale Städte wie San Sebastián, Pamplona oder Salamanca und Dörfer etwa in der tiefsten Extremadura, mit Bars,  in denen nur Männer palavern und im Fernsehen Stierkampf läuft. Er hat mich durch die mächtigen Pyrenäen geführt und zum tosenden Atlantik, wir sind zusammen durch die Weinberge der Rioja gewandert und durch zauberhafte südspanische Korkeichenwälder, er war oft einziger Begleiter in den endlosen Weiten der kastilischen Meseta, bei so mancher Passüberquerung hat er mir Mut zugesprochen. Ja selbst durch den Norden Portugals hat er mich schon geleitet.

Im Mittelalter versetzten prächtige Kathedralen die Pilger in Staunen,
heute sind es moderne Bauwerke wie das Guggenheim Museum in Bilbao.

So lange der gelbe Pfeil da ist, ist alles gut, fühle ich mich geborgen und sicher.

Hier in der Provinz Alicante gibt es Zubringerwege zum Camino del Sureste, dem Südostweg quer durch Spanien bis Santiago. Sehe ich beim Wandern einen gelben Peil, ist es wie einen lieben alten Bekannten zu treffen. Und es faszniert mich immer wieder, dass ich ihm 1200 km quer über die iberische Halbinsel bis vor die Kathedrale in Santiago und darüber hinaus an die Atlantikküste bei Finisterre oder Muxía folgen könnte.


Burgos: Die fast 800 Jahre alte Kathedrale von Burgos ist einer der Höhepunkte am Camino Francés.


Guten Etappen, schlechte Etappen

Selbstverständlich ist nicht jeder Tag auf dem Jakobsweg ein genüsslicher Spaziergang. Manchmal zwickt und zwackt es am Körper, sind die Beine schwer, das Gemüt ebenso. “Bad-Backpack-days”, an denen der Rucksack einfach nicht bequem sitzen will. Klamme, kalte, nasse Regentage oder brütende Hitze. Lange Strecken durch Industriegebiete und deprimierende Vorstädte. Nervende Mitwanderer, unfreundliche Kellner … Natürlich gehen mir an solchen Tagen nicht nur von Blütengirlanden umrankte Gedanken durch den Kopf.

Dennoch kam es mir nie in den Sinn, Etappen per Bus zu überspringen. Nur die Gambas von der Paella fischen gilt nicht, der Rest muss auch gegessen werden. Durchhalten lohnt sich, denn meist schickt Jakobus just in den grauesten Momenten eine versöhnliche Geste. Wenn der Rucksackriemen just vor dem einzigen Schuhmacher im Umkreis von vielen Kilometern reißt, und der uralte Schuster mit einer noch älteren Singer das moderne Nylon flickt. Ein unerwartetes Lächeln, ein freundliches Wort, das den Regentag erhellt. Oder ein Farbenspektakel, wenn plötzlich die Sonne durch die Wolken bricht. Das bleibt als Erinnerung, der Rest verblasst zur Anekdote.


Immer wieder stempeln gehen

Nordweg

Nordweg

Natürlich geht auch der Jakobsweg mit der Zeit. Selbst an den abwegigsten Orten gibt es inzwischen WLAN; viele junge Pilger sind scheinbar mehr in den sozialen Netzwerken als auf dem Weg unterwegs. Dennoch hat sich der Pilgerweg noch wunderbar altmodische Eigenheiten bewahrt: die Pilgermuschel als Erkennungszeichen, die “Credencial”, den Pilgerpass. Seit dem Mittelalter weist er die Pilger als solche aus, berechtigt sie heute zur Übernachtung in den Pilgerherbergen, ist für den Erhalt der “Compostela”, den Nachweis über die vollzogene Pilgerreise notwendig. Mindestens einmal am Tag wird das Dokument abgestempelt, in der Herberge, in Kirchen oder an besonderen Orten. Im Laufe der Wanderung entsteht ein buntes Mosaik verschiedener Motive und Farben, alle mit Ort und Datum versehen. Den Pilgerpass zu verlieren, ist eine mittlere Katastrophe, denn er ist mehr, als sein Stück Papier: ein einzigartiges Zeugnis dieser besonderen Wanderung, ganz analog, nirgends sonst gespeichert.


Ein Hoch der Langsamkeit

In einer immer schnelleren Zeit ist es nicht zuletzt die Langsamkeit des Reisens, die mich am Fernwandern begeistert . Die maximale Geschwindigkeit ist über Wochen das Schritttempo. Entfernungen werden nicht in Stunden, sondern in Tagen berechnet. Das verändert auch die Wahrnehmung. Prächtige Kathedralen hatte ich schon vor dem Jakobsweg gesehen, doch erst wenn ich mich ihnen wie die Pilger vor hunderten von Jahren nach wochenlanger Wanderung  zu Fuß nähere, aus der gleißenden Sonne in den kühlen, stillen Halbschatten trete, entfalten diese Monumente gotischer Baukunst ihre wahre Wirkung, viel intensiver, als wenn ich einfach mit dem Auto angebraust wäre.

Die Welt zu Gast bei Jakobus

Gelber Pfeil, Pilgermuschel, Pilgerpass, vielfältige Landschaften – das alles macht den Jakobsweg zu etwas ganz Besonderem. Doch er wäre nichts ohne die vielen, vielen Menschen, die sein jahrhundertealtes Erbe lebendig halten. 2015 registrierten sich im Pilgerbüro von Santiago de Compostela Pilger aus 178 verschiedenen Nationen – insgesamt gibt es nur rund 200 Länder auf der Erde. Wenn sich nach einer langen Etappe eine bunte, internationale Truppe zum Abendessen zusammenfindet, Pilger aus ganz unterschiedlichen Ländern, Alte, Junge, Frauen, Männer, und alle irgendwie miteinander kommunizieren, dann ist der Jakobsweg auch eine kleine, friedliche Oase, in der das einvernehmliche Miteinander, die Völkerverständigung gelebte Realität sind. Kurzum, in den oft schlimmen Zeiten, in denen wir leben, ein unschätzbar wertvolles Gut.

Pilgerkochen: Neben dem Wandererlebnis zeichnet den Jakobsweg das friedliche Miteinander von Menschen aus aller Welt aus.

Ob – wie Hape Kerkeling – auf dem Französischen Jakobsweg bis nach Santiago de Compostela oder auf anderen Routen oder Teilstrecken in Deutschland, Österreich, der Schweiz oder Portugal: Entdeckt euren eigenen Weg in der großen Auswahl der Rother Jakobswegführer >>