Weitwandern #5: Venter und Gurgler Runde (Ötztal)

Posted by on Aug 1, 2016 in Uncategorized Tagged: | No Comments

Gastbeitrag von Autor Mark Zahel (Fotos (c) Mark Zahel):

Venter und Gurgler Runde:

Highlights zwischen Weisskamm und Hauptkamm

 

15-08-26_110Die Ötztaler Alpen und das Pitztal gehören zu den beliebtesten alpinen Tourengebieten. Ihre eindrucksvollen Fels- und Eiskulissen lassen sich auf Höhenwegen hautnah erleben. Was für ein Abenteuer, aus dem Tal hinaufzusteigen und mehrere Tage in diese großartige Bergwelt einzutauchen! Mark Zahel beschreibt in seinem Wanderführer »Trekking im Ötztal und Pitztal« 37 Trekkingetappen von Hütte zu Hütte rund um bekannte Orte wie Oetz, Sölden, Vent und Obergurgl.
Auf www.wanderglueck.rother.de lässt er uns an seinem ganz persönlichen Trekkinglück teilhaben – lest selbst:


Der Begriff Ötztaler Alpen bezieht sich auf ein ziemlich großes Gebiet zwischen Ötztal, Oberinntal und dem Südtiroler Vinschgau. Enger wird damit häufig die Gegend um Vent und Obergurgl assoziiert, für Wanderer und Bergsteiger vermeintlich der ergiebigste Bereich mit den höchsten und bekanntesten Bergen sowie den meisten Hütten. Hier finden wir auch die ausgedehntesten Gletscherreservoirs in den gesamten Ostalpen – ein Merkmal, das zur Attraktivität entscheidenden Beitrag leistet. In den Pioniertagen der Alpenerschließung, als der Höchststand der »kleinen Eiszeit« eben erst überschritten war, haben die zentralen Ötztaler Alpen ohne Zweifel ein noch viel eindrucksvolleres Bild geboten. Ein fast arktisch anmutendes Bild, welches die Altvorderen nicht umsonst so magisch angezogen hat! Seitdem sind die Gletscher fast kontinuierlich im Rückgang begriffen, immer größere Flächen rostbraunen Blockschutts und Moränengeschiebes werden freigelegt und verströmen mitunter schon einen wüstenhaften Touch. Diese Entwicklung hat sich leider in den letzten Jahren beschleunigt.

Nichtsdestotrotz lässt sich hier inmitten einer großartigen Landschaft unterwegs sein. Wo sich reihenweise Dreitausender scharen, fühlt sich der passionierte Bergfreund einfach in seinem Element. Hinter Sölden, genauer gesagt bei der Ortschaft Zwieselstein, greifen das Venter und das Gurgler Tal in die innersten Winkel des Gebirges hinein und bilden Heimat für die beiden höchsten Kirchdörfer ganz Österreichs. Das »Bergsteigerdorf« Vent (was hier nicht bloß als Attribut gemeint ist, sondern auch als Label, welches der Österreichische Alpenverein höchst offiziell nach strengen Kriterien verliehen hat!) bettet sich genau zwischen die gewaltigen Massenerhebungen des Weißkamms und des Hauptkamms – eine Lage, die aus touristischer Sicht kaum idealer sein könnte. Initiiert durch den legendären »Gletscherpfarrer« Franz Senn, zog das ehedem abgeschiedene Vent ab etwa 1870 allmählich bergsteigerisches Interesse auf sich. Senn unterstützte den Aufbau einer Infrastruktur, die Errichtung von Hütten und Wegen, auf die wir Trekkingfreunde heutzutage ganz selbstverständlich zurückgreifen. Im unmittelbaren Einzugsbereich finden wir ein halbes Dutzend Schutzhütten. Bis auf das Brandenburger Haus und die Similaunhütte, die eher auf Hochtouren ausgerichtet bzw. im letzteren Fall auch am Übergang nach Südtirol positioniert sind, binden wir alle in unsere Wanderrunde ein.

Dazu gesellen sich die Hütten im hinteren Gurgler Tal, das sich nicht minder eindrucksvoll präsentiert. Obergurgl hat jedoch touristisch eine etwas andere Entwicklung genommen und recht konsequent am Skiboom der Nachkriegsjahrzehnte teilgehabt, weshalb es (einschließlich seines Retorten-­Ablegers Hochgurgl) heute hauptsächlich als mondänes Hoteldorf in Erscheinung tritt. Anders als in Vent besitzt hier die Wintersaison eine größere Bedeutung. Gleichwohl erkennen wir in der riesigen Geländekammer des Gurgler Ferners, die unmittelbar zum Hauptkamm aufschließt, eine echte Bergsteigerzone ohne allzu schädliche Eingriffe.

 

Wie lässt sich ein Hüttentrek in diesen hochalpinen Gefilden nun am besten anlegen? Eines vorweg: Den Gletschern können wir ohne große Probleme ausweichen. Zwar ließe sich selbstverständlich auch eine veritable »Haute Route« über Gletscher und Gipfel zusammenstellen, was im Rahmen eines Wanderführers jedoch nicht die Intention sein kann. Bezüglich der Richtung sei keine eindeutige Empfehlung ausgesprochen, aber ein hoch gelegener Start am Tiefenbachferner oberhalb von Sölden ist sicher nicht die schlechteste Idee. Damit geht es gleich über einen ausschweifenden Panoramaweg Richtung Breslauer Hütte, die sonst normalerweise direkt von Vent angelaufen wird. Vernagthütte und Hochjochhospiz heißen anschließend die nächsten Kettenglieder, womit wir schon in den Bereich des hinteren Rofentals vorstoßen. Die Anforderungen bleiben bis dorthin noch sehr moderat, es sei denn man schaltet schon mal einen Dreitausender ein, etwa die Guslarspitzen. Doch dies ändert sich, wenn wir von den weitläufigen Flanken des Weißkammes abrücken und am Saykogel einen hohen Übergang am Kreuzkamm aufs Korn nehmen. Mit der bekannten Kreuzspitze als Kulminationspunkt kann man von der Martin-Busch-Hütte eine lohnende Extratour einflechten. Die nächste große Hürde stellt sich uns danach am Ramolkamm entgegen, jenem mächtigen Gipfelzug, der sich massiv zwischen die Täler von Vent und Obergurgl schiebt. Über das Ramoljoch erreichen wir das Ramolhaus und vollenden das Trekking am besten mit einem großzügigen Bogen durch die Geländeschüssel des Gurgler Ferners. Hochwildehaus und Langtalereckhütte werden auf der anderen Seite des Troges passiert.

 

Etwa eine Woche sollten wir uns für diese Tour Zeit nehmen. Ein flotter Wanderer kommt womöglich auch mit fünf Tagen aus, doch sollte man die eine oder andere Gipfeloption nicht ausschlagen, wenn man eh schon auf so hohem Niveau wandert. Dies gilt auf jeden Fall in metrischer Hinsicht, denn am Saykogel und Ramoljoch wird die Dreitausendmetermarke deutlich geknackt. Bezüglich der Anforderungen stellt sich die Tour hingegen gemischt dar: teilweise recht leicht, unbeschwert und selbst für Gelegenheitswanderer geeignet, aber auch mit Schlüsseletappen, die speziell in den erwähnten hochalpinen Übergängen zu suchen sind. Ein klares Fazit möchte ich freilich ziehen: Hier im Herzen der Ötztaler Alpen lässt sich das alpine Trekking in bester Weise erproben. Und dabei nimmt man auch gleich die passenden Eindrücke mit, um daraus womöglich eine Leidenschaft zu entwickeln. Genauso ist es dem Verfasser nämlich ergangen, vor über 20 Jahren …

 

Den spannenden Hütten-Trek »Venter und Gurgler Runde« findet Ihr im Rother Wanderführer »Trekking im Ötztal – Pitztal«. Der Wanderführer beschreibt insgesamt 37 Trekkingetappen von Hütte zu Hütte rund um bekannte Orte wie Oetz, Sölden, Vent und Obergurgl – mit zahlreichen Varianten und Gipfeloptionen.

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